Foto: Johanna Angele

Zerknüllt und kuratiert

Die Papierzeitung hat ausgedient. Wer früher beim Mostäpfel auflesen kalte Füsse bekam, legte Zeitungspapier in seine Gummistiefel, jetzt wärmen ergonomisch geformte Thermosohlen. Niemand stopft mehr die vom Rumtollen im Tiefschnee nassen Winterschuhe damit aus, man stülpt sie zum Trocknen über Heizstäbe. Selbst zum Anfeuern hat es seine Schuldigkeit getan: statt lesend auf der Ofenbank zu sitzen, kuriert man heute in der Infrarotkabine seine Rückenschmerzen aus, und im Cheminée glüht und flackert ein Kunstfeuer, damit die weissen Wände nicht verrussen. Auch im Sommer wird vor dem Bräteln nichts mehr zerknüllt, Wurst und Schnitzel brutzeln auf dem Gasgrill, oder zumindest einem mit Gasanzünder. Das Geduld erfordernde Schoggispiel konnte der unmittelbaren Spieltriebbefriedigung von Überraschungseiern nicht standhalten und fürs Falten von Schiffen und Hüten kann man Kinder kaum noch begeistern. Mit einem Zeitungshut fühlt sich kein Dreikäsehoch mehr als Napoleon, gewünscht werden Kostüme aus dem Supermarkt, wahlweise zartrosa Cinderella oder giftgrünes Gruselmonster, made in China.

Die kindlichen Fantasien werden schon länger kuratiert, ihre Kreativität wird kommerziell gefördert, das Lernen spielerisch gesteuert. Kinder handeln intuitiv, wenn sie die Welt begreifen lernen, deshalb eignen sich Smartphones ausgezeichnet als Spielzeug. Heute geben wir ihnen den Tablett-Computer in die Hände, früher waren es Holzklötze, Stofftiere und Bilderbücher. Nichts davon piepste oder hatte einen Lernmodus. Die prädigital Geborenen sind mit stummen Abenteuerbüchern aufgewachsen, die Bilder dazu musste man sich im Kopf selber malen. Infolge eines zumeist rationierten Fernsehkonsums und des noch embryonalen Zustands von Computern war man auf die eigene Fantasie angewiesen. Gut möglich, dass Journalisten dieser kreativen Generation deshalb in einer Blase leben, aus der sie sich laut Ronnie Grob schleunigst befreien sollten, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, die Welt der Normalen gar nicht mehr zu verstehen. Eine Welt nämlich, in der es laut Richard Gutjahr schlicht keine Verlage mehr braucht, die für Journalisten Vertrieb und Vermarktung übernehmen. Heute hätten Journalisten nicht nur die Aufgabe guten Journalismus zu machen, meint er, sondern auch gesucht, gefunden und gelesen zu werden.

Früher hat man sie einfach bei der Zeitung gefunden, die man auch deshalb gerne las, weil sie dort schrieben. Doch nun werden sie flügge: die Popstars der schreibenden Zunft drohen mittlerweile die Reputation ihrer einstigen Arbeitgeber samt Reichweite in den Schatten zu stellen. Selbstbewusst treten manche in Konkurrenz zu ihrem Mutterblatt und behaupten, wer sich noch nicht direkt vermarkten könne, schreibe in reduzierten Redaktionen nur noch Agenturmeldungen ab, jedenfalls so lange, bis Roboter das schneller und günstiger erledigen können. Bis dahin kritisieren sie ihre Kollegen in den Redaktionsstuben, von deren Leistungen sie so indirekt trotz ihrer Freiheit letztlich nach wie vor profitieren. Kein Wunder, wollen sich ambitionierte Journalisten lieber selbst anpreisen. Nachdem die Verlage sich schon mit Gratisangeboten kannibalisieren, graben ihnen nun auch ihre Zöglinge das Wasser ab. Was bleibt Medienhäusern anderes übrig, als sich wenigstens tapfer zu verteidigen, mit einer Marke, die für alles mögliche steht, was das Konsumentenherz begehrt, nur immer seltener für eine Zeitung, bei der ausgezeichnete Journalisten eigene Artikel mit menschlichem Grips schreiben. Früher nannte man das Teufelskreis, heute ist es wohl eine Do-While-Schleife.

„Wenn Du was erlebt hast, dann schreib es nicht in Dein Tagebuch, sondern erzähl es allen. Dafür brauchst Du heute keinen Verlag mehr. Mach einen Blog. Und wenn Du gut bist, wird es gelesen“, empfiehlt Gutjahr. Die Generation Zeitungspapier schrieb das Erlebte noch ins Tagebuch, wo es hingehörte. Da waren Journalisten nicht gut, sondern schrieben gut, und sie erzählten nicht, was sie erlebten, sondern was um sie herum passierte, und warum. Richtig allerdings ist: die berühmteste deutsche Märchensammlung heisst Grimms Märchen. Dies allerdings weniger, weil die Brüder gute Selbstvermarkter waren, sondern weil sie von Clemens Brentano den Auftrag erhielten, Märchen aus literarischen und mündlichen Quellen zu sammeln. Sie wählten Geschichten aus, stellten sie zusammen und reicherten sie mit Kommentaren und Erläuterungen an. Jacob und Wilhelm Grimm kuratierten Märchen. Diese kann man heute ohne Verlust an Kreativität auch aus einem E-Book vorlesen.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

3 Gedanken zu „Zerknüllt und kuratiert“

  1. Für alle, die noch Zeitungspapier brauchen: Tagi nimmt weniger Fettflecken an (Vorteil falls man gerne Croissants zum Frühstück isst, oder sie auf der Kücheninsel liegen lässt beim Kochen), NZZ ist besser zum Anfeuern und (weil saugfähiger) zum Schuhe trocknen (gute Schuhe gehören nicht auf Heizungen!), Aufnehmen von Flüssigkeiten und Fenster putzen. Am besten also mehrere abonnieren. Danke für den Austausch, T.W.!

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  2. Ich picke einfach mal etwas heraus:
    „….man war auf die eigene Fantasie angewiesen.“ Mh. Wenn die eigene Fantasie trainiert wird, ist das dann nicht besser, als alles vorgekaut zu bekommen?
    Ich war bei diesem Artikel zuerst am hin- und herüberlegen, ob das nun ernst oder ironisch gemeint ist. Aber es scheint wohl alles ernst gemeint zu sein.
    Ich meine: Jedenfalls darf der Mensch skeptisch sein, wenn eine Entwicklung schneller voran schreitet, als die Spezies Mensch evolutionstechnisch gewohnt ist (verkraften kann). In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass ihm das in den meisten Fällen geschadet hat.

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  3. Es gibt zwischen ernst gemeint und ironisch noch ein kritisch gemeint, etwas, das eben dazu verleiten soll, hin und her zu überlegen. Es sind deshalb Kommentare wie Ihrer, die mich besonders freuen! Was geschieht, geschieht, man kann es kaum aufhalten, aber man kann und soll skeptisch sein, genau darum ging es mir. In diesem Sinn ist der Text ernst gemeint, die ironischen Zwischentöne hört man aber schon heraus, womit ich auch verrate, dass ich diese Entwicklung wie Sie ebenfalls bedaure. Denn natürlich ist es besser, wenn man die eigene Fantasie trainiert – und es werden auch bessere Artikel geschrieben von jenen, die noch über eigene Fantasien, Meinungen und Erkenntnisse verfügen, anstatt all ihre Energie in die Selbstvermarktung zu investieren. Vielen Dank für Ihren Kommentar!

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