Foto: Johanna Angele

Masslose Messlust

Wir lieben es, uns mit- und aneinander zu messen, citius, altius, fortius! Das olympische Credo hingegen mag jenen ein Trost sein, die nicht schnell, hoch und stark genug sind, in Wahrheit wissen wir: es reicht nicht, nur dabei gewesen zu sein und gekämpft zu haben, was zählt sind Sieg und Eroberung. Stoppuhr und Messband spornen uns zu Höchstleistungen an. What get’s measured get’s done, so lautete die Devise, nach der in allen Disziplinen sexy Reporting-Cockpits gebaut wurden, die dem Management die aktuelle Lage in Echtzeit anhand der in den Innereien des Betriebs auffindbaren Informationen rasch und übersichtlich vor Augen führten. Die Status-Ampel in rot, gelb und grün gab fortan den Takt an. Es wurde tapfer gebenchmarkt und hartnäckig zertifiziert, Maturity-Ratings schraubten die Leistungen hoch und dank Management by Objectives und Balanced Scorcard konnten die Ressourcen so sinnvoll eingesetzt werden wie nie zuvor. Verfeinerte Darstellungsmöglichkeiten, effizientere Software, steigende Datenmengen und das laufend einfliessende Expertenwissen über Qualitätsmerkmale und Erfolgsfaktoren machten Performance-Kennzahlen schliesslich zum zentralen Führungsinstrument.

Wenn Messlust sich mit Darstellungskunst paart, ist das Resultat seit jeher beeindruckend. Sobald es die technischen Möglichkeiten zuliessen, fanden die computergrafischen Bilder der Mandelbrot-Mengen rasch grossen Anklang. Die beginnende Ausbreitung von Heimcomputer und Internet beflügelte den Hype um die Apfelmännchen, doch erst dank der Publikation von Bildern in den Medien wurde die Mandelbrot-Menge in den 80er Jahren zu einem der bekanntesten Themen aus der Mathematik. Die Verheissungen der gekonnten Verbindung von Daten und ihrer Darstellung erklommen in den vergangenen Jahren eine neue Dimension an Attraktivität: die Verbindung von informativem Nutzen und verspielter Ästhetik gebar den Datenjournalismus. Was früher immerhin noch computergestützte Recherche hiess, ist zum Daten-getriebenen Journalismus geworden und hat den pleonastischen Begriff Infografik in die Welt gesetzt. Weil man heute alles intuitiv tut, klickt man nun also munter auf immer neuen interaktiven Bildern herum und versucht zu begreifen, was man erfahren soll. Das ist ohne Zweifel ein lustvoller Zeitvertreib.

Hinter den Visualisierungen stehen Unmengen von Daten, aus denen dank moderner Software mittels Verschränkung und maschineller Analyse der Datensätze neue Informationen gewonnen werden. Wir sind begeistert von der Vorstellung, dass mit der zunehmenden Datenmenge durch geschicktes Auswerten zuvor verborgenes Wissen sichtbar wird. Unsere Augen glänzen wie früher, als wir mit dem Feuerzeug aufgeregt das Papier wärmten, bis die Geheimtinte Zitronensaft sich braun verfärbte und wir die Botschaft endlich entziffern konnten. Die menschliche Ungeduld und unsere Neugierde bilden die Achillesverse, an der wir für Verführungen besonders empfänglich sind. Wie wunderbar wäre es, ohne Mühe in einer Infografik innert Minuten zu erkennen, was man ansonsten nur mit viel Aufwand lesen, lernen und erfahren könnte! Was wäre alles möglich, wenn man hinter die Geheimnisse käme, indem man Maschinen nur genügend Daten füttert – dass die Antwort 42 ist, haben wir längst verdrängt. Mehr denn je vertrauen wir wie Faust lieber auf die Magie, wenn wir erkennen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Nicht jeder Fortschritt führt nach vorn. Trotz guter Absicht und offensichtlichem Nutzen haben uns gerade die technischen Möglichkeiten zum Stillstand gezwungen, ohne dass wir es gemerkt haben. Weil nur gemacht wird, was gemessen wird, machen wir, was wir messen können, weil wir die Daten haben, messen wir sie. Wo es früher hiess, man soll nur selbst gefälschten Statistiken trauen, verstehen wir heute die Algorithmen gar nicht mehr, die hinter den Computergrafiken liegen und laufen ständig Gefahr, scheinobjektiven Fakten auf den Leim zu gehen. Das riesige Wissen um Qualitätsmerkmale ist längst in den Eingeweiden der Automatisierung einprogrammiert, die Wissenden wurden in der Folge wegrationalisiert. Weil wir dank allerlei Software Zugang haben zu Messmethoden und Qualitätskriterien, werden Produkte so gestaltet, dass sie in den einschlägigen Warentests gut abschneiden, und weil man über das globalisierte Marktwissen laufend informiert ist, wird nachgefragt, was angeboten wird. Die heimtückische Kombination von Nutzen und Machbarkeit hat uns in die Filterbubble der Datenverfügbarkeit gepackt, in der der Kunde zum Verbraucher geworden ist, der Online-Nutzer zum Produkt und der Leser zum Medienkonsumenten. „Es ist so gut, als wär’ es nicht gewesen, und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre,“ spricht Mephisto, während Faust ins Grab gelegt wird.

Advertisements

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s