Foto: Johanna Angele

Das Freiheitsdilemma

In Kalifornien gilt an zahlreichen Universitäten die Regel, dass jegliche körperliche Annährung einer expliziten Zustimmung bedarf. Nein ist kein vielleicht, Schweigen steht nicht für Einvernehmen, nur das ausdrückliche Ja bedeutet auch wirklich ein Ja. Nun gut, neu sind diese Interpretationen nicht, aber sie gingen wohl irgendwie vergessen. In den U.S.A. wird man schliesslich auch darauf hingewiesen, nach dem Toilettenbesuch die Hände zu waschen und Hunde nicht in der Mikrowelle zu trocknen. Im zwischenmenschlichen Kontakt allerdings ist auch in Europa seit jeher verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. Früher nannte man das Anstand, man wurde dazu erzogen und pflegte ihn mit gesundem Menschenverstand und Einfühlungsvermögen. Heute braucht es dafür offenbar immer neue Regeln und Gesetze, die wohl einen gewissen Erfolg bringen, uns andererseits aber auch sukzessive das selbständige Denken und die übliche Rücksichtnahme abgewöhnen.

Auch dass die Regulierungswut bis in unsere Intimsphäre vordringt, ist nicht neu. Früher glaubte man, was in Schlafzimmern geschieht, sei alleine Sache der Betroffenen, heute ist auch Gewalt in der Ehe ein Offizialdelikt. Wenn eine Gesellschaft das Gespür dafür verliert, was fürs Zusammenleben unerlässlich ist, ändert oder ergänzt sie die Regeln. Das tun zu dürfen und zu können, ist der innerste Sinn einer Demokratie. Es war ganz einfach nötig, männlichen Führungskräften zu verbieten, ihre weiblichen Angestellten wie Freiwild zu behandeln, es brauchte offensichtlich Gesetze, damit Vertrauenspersonen ihre besondere Stellung nicht ausnutzen. Natürlich ist es himmeltraurig, wenn man einer Handvoll schwarzer Schafe wegen in Kauf nehmen muss, dass eine ganze Gruppe unter Generalverdacht gestellt wird. Doch schuld daran sind die schwarzen Schafe, nicht ihre Opfer. Diese präventiv unter einem Stück Stoff zu verstecken oder gar einzusperren, ist auch deshalb weder eine vernünftige noch eine demokratische Lösung. Jedes Kollektiv hat sehr wohl andere Möglichkeiten, eine unerwünschte Vorverurteilung zu vermeiden: indem es die schwarzen Schafe in ihren Reihen rechtzeitig erkennt und mittels sozialer Kontrolle dafür sorgt, dass alle die vorerst noch ungeschriebenen Gesetze ganz einfach einhalten.

Unter Generalverdacht leiden nicht nur Männer. Jeder von uns gehört zu unterschiedlichen Gruppen, in denen es einzelne gibt, die meinen, sich nicht an Regeln halten zu müssen. So werfen manche Raucher ihre Zigarettenstummel einfach auf den Boden, Raser gefährden Fussgänger, Radfahrer ignorieren Rotlichter, Halbstarke demolieren Züge und besonders Schlaue meinen sich hemmungslos auf Kosten anderer informieren zu können. Dank unseres Wohlstands, unserer Demokratie und unserer Kultur haben wir heute mehr Freiheiten als je zuvor. Trotzdem glauben offensichtlich manche, sich noch mehr herausnehmen zu dürfen. Wie die Kinder wollen wir dauernd unsere Grenzen ausloten, diese aber müssen wir aufgrund des ständigen Landgewinns immer weiter weg vom gesunden Mass suchen. Die Gesellschaft erzieht sich schliesslich selbst und wendet die einzig richtige Regel an: wenn das Treiben zu bunt wird, muss man den Zaun enger ziehen, denn es geht nicht um den Spielraum selbst, sondern um den Reiz, die Grenzen zu überschreiten.

Im Zeitalter der fortschreitenden Individualisierung stecken wir in einem Dilemma. Wo die sozialen Strukturen des Für- und Miteinanders nicht mehr greifen, muss eine Minderheit die Mehrheit überzeugen, Regeln in die Gesetzbücher aufzunehmen, damit man im Ernstfall darauf Bezug nehmen und sich wenn nötig auch ohne die Hilfe anderer gegen Unrecht wehren kann. Weil wir befürchten, in der Not alleine zu sein, dulden wir die staatliche Einmischung. Damit wir Unrecht später auch beweisen können, sind wir bereit, das Private öffentlich zu machen. Milosz Matuscheks Befürchtung, ein begehrenswertes Gegenüber bald nur noch in Anwesenheit eines Notars verführen zu können, wird womöglich mit gestreamter Echtzeitkontrolle schneller wahr, als uns lieb ist. Es ist die grassierende Ichbezogenheit, die uns die Freiheit nimmt, als Individuum spontan handeln und selbst denken zu können. Daran aber sind wir selber schuld. Jeder einzelne von uns, der sich irgendwann, irgendwo in irgendeiner Weise darum foutiert, wo die Freiheit eines andern anfängt. Wir alle, wenn wir wieder einmal wegschauen und dabei vergessen, dass wir diese grenzenlose individuelle Freiheit letztlich mit dem Verlust derselben bezahlen. 

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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