Foto: Johanna Angele

Rauchfleisch

Natur oder mariniert, fragt die Angestellte in der Metzgerei. Ein Blick in die Auslage lässt Zweifel aufkommen, ob es überhaupt eine Alternative zum Marinierten gibt. Sie holt das Gewünschte aus dem Kühlraum. Das Stück wirkt erschreckend nackt, so sehr ist man sich den Anblick von dick mit gelber oder roter Paste eingeölten Laibern schon gewohnt. Im Sommer seien die marinierten Stücke für auf den Grill halt gefragt, meint die Dame entschuldigend. Fast Food zum selber brutzeln, statt in der Mikrowelle saisonal auf dem Grill. Im Büro klingt das von den Kollegen so: in der warmen Jahreszeit koche ich für die Familie. Grillieren ist nämlich Männersache, es geht um Feuer, Fleisch und Versorgung. Auf diese Zielgruppe ist auch die Werbung ausgerichtet. Alles andere ist Beilage, weshalb der Leistungsumfang des Sommerkochens dieses andere konsequenterweise ausschliesst.

Unsereiner ist noch mit dem Würstchen in der Metzgerei aufgewachsen, für die meisten die erste Bestechungserfahrung. Damals roch man noch das Schlachten vom Hinterhof, hörte auf dem Schulweg die Säue quietschen und bekam das Hasenfell von der Bäuerin. Vielleicht hat es mit dem Rinderwahnsinn angefangen, doch spätestens mit der Schweinegrippe kam das Umdenken, und die Metzger mussten etwas gegen den drastischen Rückgang des Fleischkonsums unternehmen. Seitdem gibt es Werbung für Fleisch und es wird vor allem Pouletbrust und Fleischfilet gekauft. Mindestens ein Nierstück, ohne Fett, Sehnen, Knochen und anderem, was nicht in homogenem Zartrosa daherkommt. Würde man den Rest der Tiere, von denen die meisten einen Sommer lang nur die Pfaffenstücke braten, auf den Balkonen und in den Gärten auftürmen, ein Schlachthof sähe appetitlicher aus.

In diesem Kontext weckt selbst die sektiererisch angehauchte Gegenkampagne der Vegetarier Verständnis. Womöglich ist die Weideschlachtung ein Schritt vorwärts, eigentlich eher zurück, aber wohl in die richtige Richtung. Was die virile Grillwerbung abwertend als Beilage bezeichnet, überlässt man gern den Frauen, die in der Küche dieses alles andere zubereiten. Sie rüsten Salate, schälen Peperoni, bestreichen Zucchetti mit Olivenöl, wickeln Kartoffeln und Maiskolben in Alufolie und bereiten die Schoggibanane zum Dessert vor. Das Gesunde halt, damit die Kinder Vitamine bekommen und die Mamis nicht so ein schlechtes Gewissen haben, mal abgesehen von der Schoggibanane. Den Männern würde das Fleisch allerdings reichen, mit Chips und Bier, das gehört quasi zum Fleisch, ist folglich nicht der Kategorie Beilage zuzuordnen. Es geht um das Archaische, das Triumphgefühl nach der erfolgreichen Jagd, wenn die Helden ums Feuer stehen, über dem die Beute gart. Mit der Bierflasche in der einen Hand und der Grillzange in der andern, fürs Glas hat man keine mehr frei.

Was früher der Malboro-Mann war, ist heute der Barbeque-Chef. Auch er qualmt und riecht nach Wildnis und Abenteuer, jedenfalls meint er das, Unvernebelte würden es stinken nennen. Es handelt sich um eine Art Passivgrillieren, denn die ungesunden Fettdämpfe der Glutamatmarinaden sind auf Dauer auch für ungewollt mitgeräucherte Nachbarn ein Problem. Diesem muss man aber nicht unbedingt mit missionarischem Veganismus begegnen, es gäbe durchaus auch Alternativen mit Fleisch am Knochen. Man sollte einfach nur noch ganze Tiere verkaufen, indem man es im Abo anbietet: erst wenn das ganze Tier gegessen ist, gibt es wieder einen Bezugsschein fürs Filet. Der Tauschhandel unter Kunden wäre allerdings zu dulden. Darüber hinaus dürfte nur noch grillieren, wer auch die Beilagen zubereitet, im Winter einen Coq au Vin zustande bringt und sein Fleisch selber marinieren kann. Statt Hunde- und Katzenkurse wären Grillkurse sinnvoller, nicht nur, damit das Essen besser wird, sondern vor allem gesünder, auch für die Nachbarn. Dann würde Fleisch wieder natur nachgefragt, weil die eigenen Marinaden nicht nur die besten sind, sondern auf dem fachgerechten Feuer nach frischem Rosmarin und Thymian riechen, und eben nicht nach der immer gleichen Barbequesauce.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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