Foto: Johanna Angele

Nahverkehrszonen

In einem Zwischenruf beklagt Brigitte Hürlimann die Unsitte neurotischer Städter, im Bus bei erster Gelegenheit auf einen Platz mit freiem Nebensitz zu wechseln. Dasselbe tun Landeier in Pendlerzügen, wo mit steigenden Temperaturen der Wunsch nach Abstand zusätzlich wächst. Neurotisch ist das nicht, es ist natürlich. Der Mensch reagiert ablehnend oder gar aggressiv, wenn Fremde in seine Intimsphäre eindringen, näher als eine Armlänge lassen wir nur vertraute Menschen an uns heran. Trotzdem werden wir in öffentlichen Verkehrsmitteln gnadenlos aneinander gepfercht und müssen uns nicht selten sogar physisch an wildfremden Wesen reiben. Wir können uns im Zugabteil mit einem Bekannten, der uns gegenüber sitzt, angenehm unterhalten, bei fremden Menschen jedoch ist das Bedürfnis nach Abstand mit drei Metern deutlich grösser. An dieser Grenze ist normalerweise Schluss, wir halten inne und vergewissern uns gegenseitig, dass ein Näherkommen auch geduldet wird. Dann reichen wir die Hand zum Gruss und laden so dazu ein, einen Schritt aufeinander zuzugehen.

Im öffentlichen Verkehr hat sich das Ritual eingebürgert, die eben gerade nicht rhetorische Frage zu stellen, ob der Platz noch frei sei. Mit einem Ja bestätigen wir nämlich keineswegs das Offensichtliche, sondern erteilen Fremden die Erlaubnis, die normalerweise einzuhaltende Distanz zu unterschreiten. Ohrverstöpselt abgeschottet mag man die ständigen Invasionen besser ertragen, doch der Körperkontaktstress bleibt. Weil sich aber immer mehr Menschen in akustische Kokons zurückziehen und die Frage nach dem freien Platz nicht mehr hören, geschweige denn quittieren, wird sie immer seltener gestellt. Stattdessen pflanzen sich wildfremde Individuen derart plötzlich neben einen hin, dass man sich von vornherein am liebsten beim Fluchtfenster hinsetzt oder gleich am Eingang stehen bleibt. Als Erziehungsmassnahme hat es sich bewährt, die Tasche ostentativ neben sich auf den freien Sitz zu stellen und sich mit stoischer Ruhe in Lesestoff zu vertiefen. Man wird dann zwar gelegentlich gemassregelt oder muss die Frage nach dem freien Platz in Form eines gehässigen Vorwurfs dulden, aber immerhin wird einem so die drohende Grenzüberschreitung akustisch angekündigt.

Die Sensibilität für menschliche Annäherungsrituale ist in Gefahr. Wie ein Mähdrescher frisst sich die fortschreitende Amerikanisierung Europas durch hiesige Magerwiesen und hinterlässt plastifizierte Strohballen, sinnigerweise eine Art Riesen-Marshmellows. Noch schwieriger als in der Nahkampfzone ÖV gestaltet sich die Verteidigung alteuropäischer Sitten im Berufsleben, wo man mittlerweile quasi arbeitsvertraglich zum Duzen genötigt wird. Man will Distanzen reduzieren, die Zusammenarbeit erleichtern und Hemmschwellen abbauen. Warum man dann gerade bei der Geschäftsleitung, zu der ein Zugang von Natur aus schwieriger ist und mehr Bodenkontakt umso nötiger wäre, am Sie festhält, bleibt ein Rätsel. Es erinnert an die Sache mit den offenen Bürotüren, die vor einiger Zeit schon in Mode kam. Die Teppichetagenbewohner wollten damit demonstrieren, wie offen ihr Ohr für die Anliegen und Vorschläge ihrer Mitarbeitenden sei. Es blieb ein Lippenbekenntnis: die Türen waren immer genau dann ausnahmsweise zu oder das Büro gerade leer, wenn man mutig antrabte mit seinem Anliegen, das man zuvor in tagelanger Schwerstarbeit auf drei knackige Stichworte so sehr reduziert hatte, dass es schliesslich gar keines mehr war. Jedenfalls keines mehr, das von Bedeutung gewesen wäre. Immerhin gelang hier wohl eine Art Selbstheilungsprozess.

Die vom Management verordnete Nähe mit dem vertraulichen Du unter der Belegschaft führt nicht zu besserer Zusammenarbeit, leider blieb auch eine selbstheilende Wirkung bisher aus. Man kann die zwischenmenschlichen Prozesse nicht per Weisung beschleunigen oder gar erzwingen. Der Weg vom Sie zum Du ist einer, den ein jeder eben gehen wollen muss. Statt zu beklagen, dass es trotz Dukultur im Unternehmen nach wie vor Konflikte gibt, sollte man vielleicht einfach anerkennen, dass der Mensch seine über Generationen ausgetüftelten Rituale nicht ohne Grund zelebriert. Ständig meinen wir nun, wir arbeiteten mit lauter Duzfreunden zusammen, und wenn es mal nicht reibungslos läuft, stellen wir völlig perplex fest, dass wir die meisten von ihnen gar nicht kennen. Das Zwangsduzen im Büro hat sich als Produktivitätspille fürs Fussvolk nicht bewährt und die Geschäftsfreunde entscheiden auf dem Golfplatz nach wie vor selbst über einen strategischen Wechsel zum Du. Es bleibt eine Zweiklassengesellschaft, mit den altbekannten Hürden und Distanzen. Nur im Zug wächst der Dichtestress, dort allerdings schafft in Stosszeiten auch der Wechsel in die bessere Klasse keine Abhilfe mehr.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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