Foto: Johanna Angele

Trotzdemokratie

Das Wort Nein ist eines der ersten Wörter, die Kinder beherrschen. Mit rund eineinhalb Jahren beginnt die Trotzphase, während derer es besonders oft zum Einsatz kommt. Normalerweise endet sie zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr. Bei manchen behält das Nein ein Leben lang eine zentrale Stellung im Wortschatz, andere müssen das Nein-Sagen in Workshops erst wieder lernen, um nicht früher oder später unter der Last all der klaglos akzeptierten Verpflichtungen zusammenzubrechen. Ihnen bringt man bei, seine Gefühle auszudrücken, offen zu sagen, wenn man sich etwas nicht zutraut, zu erklären, was man in einer bestimmten Situation empfindet. All dies nämlich ist es, was Kinder erst mit Geschrei und später mit einem Nein zwar bereits meinen, aber noch nicht ausdrücken können. Es ist fürs spätere Leben ungemein wichtig, das möglichst präzise Beschreiben der eigenen Empfindungen nicht nur beherrschen, sondern auch von zumeist weniger zielführenden emotionalen Reaktionen unterscheiden zu lernen.

Die Fähigkeit, über unsere Gefühle zu sprechen, erleichtert uns nicht nur das Familienleben daheim und die Zusammenarbeit am Arbeitsplatz, sondern ganz allgemein das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft. Während wir zu Hause und im Büro Konflikte, die sich beim besten Willen nicht aussitzen lassen, zumeist unter vier Augen im direkten Gespräch klären, ist ein persönliches Ausdiskutieren aller Differenzen in einer so grossen Gemeinschaft nicht mehr in vernünftigem Rahmen zu bewerkstelligen. Unter all den möglichen Modellen, die verschiedene Arten von Lebewesen im Laufe der Zeit entwickelt, ausprobiert und überwunden haben, hat sich das Schweizer Volk für die Demokratie entschieden. Eine wahrlich geniale Idee, dank der selbst Millionen von Menschen, die sich auf immer wieder neue Details einigen müssen, Gelegenheit haben, sich überhaupt einig zu werden. Sie tun dies auf verblüffend simple Weise, indem sie das, was sie bewegt, stört oder am Herzen liegt, am Ende des Abstimmungstages mit einem einfachen Ja oder Nein ausdrücken.

Das hat denn auch erstaunlich lange funktioniert, weil jeder wusste, wofür das Ja oder Nein stand, und, wie komplex auch immer die Entscheidungsfindung gewesen sein mag, was er mit seinem Votum am Tag der Entscheidung ausdrücken wollte. Diese bodenständige helvetische Einfachheit ist in letzter Zeit aus dem Gleichgewicht geraten. Immer häufiger bedeutet nun ein Nein eigentlich ein Ja für etwas anderes, ist ein Ja im Grunde ein Nein zu einem wiederum anderen Ja. Oder umgekehrt, man verliert im Durcheinander schnell den Überblick. Weil man mit dem Programm der SRG nicht zufrieden ist, sagt man jedenfalls einfach Nein zur Änderung des Radio- und Fernsehgesetzes, auch wenn es nichts mit der Definition eines Service public zu tun hat. Man mag einfach die Sendungen nicht, fühlt dieses Nein so ungemein deutlich, dass man nicht umhin kommt, es bei jeder Gelegenheit laut hinauszuschreien. Es muss jetzt einfach raus, das Nein, sonst wird der Hals noch dicker. So entlud sich schon das Nein gegen die Angst vor dem Fremden an den Minaretten und jenes gegen den Dichtestress unlängst an der Masseneinwanderung. Weil es beim RTVG irgendwie ums Fernsehen geht, entfährt manchen nun eben das aufgebrachte Nein gegen dümmliche Sendungen, die nicht wenige deshalb nicht schauen, weil es noch dümmere gibt.

Der Weg vom diffusen Gefühl zur differenzierten Meinung, die sich auf ein reflektiertes Ja oder Nein reduzieren lässt, ist einfach zu steinig, zu lang und folglich zu mühsam geworden. Demokratie hin oder her, Zeit ist Geld, und für den Luxus von Gefühlsduseleien fehlt uns beides gleichermassen. Dankbar nehmen wir da die Anrufe der Umfrageinstitute an, die uns mit ein paar wenigen geschlossenen Fragen das weitere Nachdenken dank ausgefeilter Datenauswertungssoftware abnehmen. Überall dürfen wir einfache, kurze Fragen beantworten, per SMS, im Internet oder mündlich einem netten jungen Mann am Stand beim Bahnhof. So eine Demokratie ist wahrlich eine Freude, man ruft an und wählt das grösste Talent, die schönste Frau und den gefälligsten Song. Wie einfach wäre doch die Welt, wenn wir, wie früher die Sommerfilme, per Televoting einfach das Programm der SRG mitbestimmen könnten. Überhaupt sollten Callcenter die ganzen Abstimmungskämpfe übernehmen, dann bräuchte es auch keine politischen Sendungen mehr. Medienkonzerne merken rein marktwirtschaftlich, was die Leute wollen. Wer zahlt, befiehlt, das funktioniert ja bereits heute ganz ordentlich, trotz der leidigen Demokratie. Am besten, wir sagen weiterhin trotzig Nein zu allem, bis die teure staatliche Demokratie privatisiert ist und wir endlich davon befreit sind, zu allem Ja oder Nein sagen zu müssen.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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