Foto: Johanna Angele

Katzenliebe

Sie jault und faucht, wälzt sich am Boden und schaut mich mit fragendem Blick an. Gut, wenn man weiss, dass eine Katze in diesem Zustand nicht von einem Wahn besessen, sondern einfach nur rollig ist. Sie will sich paaren. Den Katern ist das natürlich nicht entgangen, erwartungsvoll schleichen sie ums Haus. Doch die meisten Bewerber gehen leer aus. Sie entscheidet sich für ein schwarzes Prachtexemplar mit langem, seidig glänzendem Fell. Jeden Tag kommt er ein bisschen näher, hofiert ihr charmant, ist rücksichtsvoll und benimmt sich ausgesprochen anständig. Nur als er im Haus durchs Wohnzimmer stolziert, wird er in den Garten verwiesen, alles hat seine Grenzen. Die beiden lassen sich Zeit. Irgendwann der herzbewegende Kontakt, den der Mensch gerührt als Kuss interpretiert. Die Chancen auf schwarzen Nachwuchs stehen gut. Noch ein paar Tage lang spielen sie die Balkonszene aus Romeo und Julia, dann lässt sich der Kater nicht mehr blicken. Er hat seine Pflicht getan, alles Weitere ist seine Sache nicht. Eine Haltung, die bei Katzen natürlich ist, bedauerlicherweise allerdings auch von manchen Menschen für normal gehalten wird.

Es werden drei Schwarze und ein Tiger, mit langen Haaren. Sie liegen rund hundert Gramm schwer eng am Bauch der erschöpften, aber sichtlich stolzen Mutter. Ab jetzt glänzt der Vater nicht nur mit Abwesenheit, sondern wäre gar eine Gefahr für die Vierlinge. Er würde die kleinen Knäuel nicht einmal als seinen eigenen Nachwuchs erkennen. Nur noch einmal wird er gesichtet, und nachhaltig verscheucht. Katzenmütter sind alleinerziehend. Von der Aufzuchtskunst einer Hauskatze kann man viel lernen. Zweifelsohne wird sie sich nie fragen, ob sie es bereut oder nicht. Sie folgt einfach ihrem Instinkt, weiss zu jedem Zeitpunkt, was zu tun ist. Eine Fähigkeit, die wir in unseren Breitengraden verloren haben, auch weil wir meinen, alles in Kursen lernen zu können. Es mag in mancherlei Hinsicht an Bildung fehlen, aber noch mehr leiden wir an Verbildung. Wir haben verlernt, zuverlässig zu spüren, was richtig ist und daraus mit gesundem Menschenverstand unser eigenes Handeln abzuleiten. Es gibt Kulturen, in denen die Mütter ihre Kinder einfach auf den Rücken binden, ansonsten tun sie, was sie immer tun. Ihre Babys brauchen keine Windeln, weil die Mutter spürt, wann es Zeit ist. Genauso wissen sie auch ohne Uhr und Kontrolltabelle, wann und wie lange ihre Kinder gestillt werden müssen.

Nach gut vier Wochen werden die Kätzchen lebendig, sie klettern aus ihrer Kiste und beginnen, die Umgebung zu erkunden. Nun muss die Mutter ständig Erziehungsarbeit leisten. Sie gurrt ihren Nachwuchs an, wenn die Frechdachse nicht parieren. Katzenkinder müssen rasch lernen, ihre Neugierde hilft ihnen dabei. Aber auch eine Mutter, die den Kindern ihre Freiräume lässt. Manchmal sitzt sie mit gutem Überblick auf dem Fensterbrett und döst. Piepst eins oder schreit gar, schaut sie hin, schätzt die Lage ein und zumeist verlangt die Situation nicht nach ihrem Eingreifen. Wenn doch, ist sie blitzschnell da. Wenn es Zeit ist, in die Kiste zurück zu tapsen, ruft sie ihre Rasselbande zusammen. Dann krabbeln sie noch etwas unbeholfen, aber tifig zu Mama. Meistens jedenfalls. Katzen haben Charakter, da wird schon mal ausprobiert, wo die Grenzen sind. Die Mutter kümmert sich dann um jene, die schon bei ihr sind. Den Strizi lässt sie erst einmal gewähren. Bald wird ihr Gurren etwas bestimmter, noch ein scheuer Versuch, dann ist auch das Frechste zurück im Nest.

Bei allem Stress, für sie wird das Thema in zwei Monaten gegessen sein. Bis zum nächsten Mal, es sei denn, man befreit sie davor. Es ist schwierig herauszufinden, ob sie das möchte oder nicht. Manchmal liegt sie so zufrieden und stolz mit ihren Kätzchen da, und alle schnurren im Quintett, was das Zeug hält. Besser lässt sich Glück kaum darstellen. Doch es gibt auch Momente, da schleicht sie in die Küche und schaut mich an, als ob ich an ihrem ganzen Elend schuld wäre. Sie lässt sich auf den Steinboden plumpsen und gibt mir zu verstehen, wie gern sie jetzt irgendwo alleine und in Ruhe an einem sonnigen Plätzchen schlafen würde. Dann geniesst sie die Streicheleinheiten wie eh und je, so als ob es die Kätzchen nie gegeben hätte. Es ist wohl bei der Mutterliebe wie bei jeder anderen Form von Liebe: es ist ein sich ständig veränderndes, uneinheitliches Gefühl, ein kompliziertes Geflecht aus oszillierenden Einzel-Empfindungen. Der Verständlichkeit halber nennen wir sie im Paket und über die Zeit hinweg gesehen einfach Liebe. Die meisten wissen auch ohne Lehrbuch, was damit alles gemeint ist. Vielleicht sollten künftige Mütter, statt an Lehrveranstaltungen das natürliche Fühlen und Spüren zu verlernen, sich einfach eine Weile mit der Aufzucht kleiner Katzen befassen. Das gilt bei Menschen allerdings auch für die Väter.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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