Vom Frühling lernen

Es ist Frühling, nach der Winterruhe fordert der Garten wieder Aufmerksamkeit. Noch sind die Nächte kalt, doch tagsüber wird es warm und bleibt lange genug hell, um dem Wachsen auf allen Ebenen Vorschub zu leisten. Überall drängt es aus dem Boden, spriesst aus Zweigen und verlangt nach zügiger Intervention. Beim Schneiden, Kürzen und Trimmen im Gebüsch und zwischen Dornen holt man sich gelegentlich den einen oder andern Kratzer. Umgekehrt werden inmitten all der Fruchtbarkeit jetzt auch die Wunden der Natur sichtbar. Die toten Äste ohne Grün, in einem Wintersturm gebrochen, hier und da haben auch Schnee und Frost ihre Spuren hinterlassen, hat ein Gewächs den Angriff eines Tieres nicht überlebt. Jede Jahreszeit fordert ihren Tribut, nun muss das Abgestorbene weg, damit das, was überlebt hat, umso schöner wachsen kann. Zusammen mit dem Unkraut und den allzu ungestümen Trieben liegt am Ende auch das braune Dürre auf einem Haufen zum Abtransport bereit.

Manchmal fordert der Winter noch grössere Opfer und man weiss einen ganzen Sommer lang nicht, ob die Wunden jemals heilen. Ein kümmerliches Pflänzchen siecht dann vor sich hin, wird über Monate mit schwindender Hoffnung liebevoll gepflegt. Natürlich ist die Freude gross, wenn eines sich nun mit geballter Kraft zurückmeldet. Gelegentlich muss man sich dann aber doch von Altem trennen. Da war ein Baum, der Jahr für Jahr weniger Blühten trug. Ihn flankierten zwei andere Bäume, am einen vergnügte sich schon längst der Specht, der andere war wild gewachsen und gab einem ebenso wilden Holderbusch Halt. Letztes Jahr mussten die Bäume weichen, der eine war endgültig abgestorben, der andere kam schon als Unkraut zur Welt und drohte seinen Mutterbaum zu ersticken. Der Holderbusch klammert sich weiterhin an seinen Stumpf, den man zu diesem Zweck stehen liess. Der alte Baum aber hat wieder Luft und blüht prächtig. Auch der Busch bekam mehr Raum und wird sich im Sommer mit dem Holundersirup bedanken, für den er jetzt grosszügig seine Blüten fabriziert. Bis dann sind ihm auch seine lästigen Läuse verziehen, die man ständig von sich abklopfen muss, wenn man unter seinen Ästen hantiert.

Wer hinausgeht, begibt sich in Gefahr. Das Leben ist kein Garten Eden, es fügt uns immer wieder Wunden zu. Besonders gross sind sie, wenn uns etwas am Herzen liegt und wir leidenschaftlich werden. Im Gegensatz zur Gartenarbeit schützen weder Handschuhe noch Schutzbrille vor Kampfspuren, wenn wir uns durchs alltägliche Gebüsch mühen. Schnitte lassen sich kaum heilen, sie liegen tief, sind oft unsichtbar und selbst wenn sie vernarbt sind, bleiben sie empfindlich. Manchmal stellt sich schon die Frage, warum man sich das alles antut, im Leben wie im Garten. Diese Sisyphusarbeit, der Kampf gegen die Natur, die sich hier wie dort im Herbst ohnehin wieder zurückzieht. Natürlich könnte man ganz auf das Grün verzichten, oder sich für einen trendigen Steingarten entscheiden. Wenn alles tot ist, kann nichts mehr sterben. Man würde sich viel Arbeit sparen, müsste keine Winterspuren beseitigen und bliebe unversehrt. Aber man hätte dann auch keine alten Schattenbäume, keine Blätter in allen Grüntönen und keinen Holundersirup für den Sommer-Aperitif. Es gäbe keine Gänseblümchen in der Frühlingswiese und keine Tulpen, die jetzt so purpurprotzig blühen.

Wer sich nicht hinauswagt, vermeidet manches Leid, doch verzichtet auch auf das Vergnügen, das die Natur uns schenkt, wenn wir den Dreck, das Getier und die Schäden in Kauf nehmen, die man noch tagelang am ganzen Körper sieht und fühlt. Manch einer gewöhnt sich mit der Zeit auch einfach an den Schmerz, andere werden gleichgültig und verrichten das Nötige ganz ohne Klage. Die menschliche Fähigkeit zum Nachdenken ist nun einmal Glück und Fluch zugleich. Die Natur beginnt den Überlebenskampf jedes Jahr von Neuem, kein Tier und keine Pflanze würde sich jemals fragen, wozu das alles gut sein soll. Wir werden unsere Fragen nie einfach vergessen können, aber zumindest das kann man im Frühling vom Garten lernen: das alte Jahr ist längst vorbei, das neue wird uns wieder Wunden zufügen, aber auch neue Freude schenken – sofern wir uns hinaus ins Leben wagen.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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