Editierte Mythen

Mythen erfreuen sich zur Zeit grosser Beliebtheit. Sie erzählen berührende Geschichten, schildern leicht nachvollziehbare Sachverhalte und berichten von Helden, mit denen wir uns gerne identifizieren. Besonders angetan sind wir immer dann, wenn David gegen Goliath gewinnt. Wer hat beim Lesen betrieblicher Gebote und Weisungen nicht schon an Gesslers Hut gedacht, dem wir allzu gerne einmal den Gruss verweigern würden. Unser Alltag sieht freilich anders aus, fast immer liefern wir, was verlangt wird, benehmen uns, wie es sich gehört und tun, was man uns sagt. Umso dankbarer nehmen wir das Angebot der Mythen an und übertünchen unser tägliches Hutgrüssen mit der Kraft, die wir beim Lesen und Hören von Heldensagen so deutlich in uns spüren. Mythen lassen uns fremdglänzen, weil wir durch sie die mutigen Taten ihrer Helden mitempfinden dürfen. Es ist ein bisschen wie damals, als wir in Kindertagen als Robin Hood, Winnetou und Wilhelm Tell durch Wiesen und Felder streiften.

Zu den weitherum bekannten Mythen gehört das mittelhochdeutsche Nibelungenlied. Auch Roger Köppel bemüht es in seinem Editorial: der Nibelungenmythos ende in einem selbstzerstörerischen Blutbad, das die Deutschen im letzten Weltkrieg tatsächlich an sich selbst und an der Welt vollstreckt hätten. Für die Geschichte gibt es keine historischen Quellen, doch die Erzählung selbst ist schriftlich überliefert, und eine andere: Das finale Gemetzel hat weder mit Politik noch mit Krieg zu tun, sondern mit Frauen, genauer gesagt mit einem Zickenkrieg um einen Mann. Weil Brunhilde Siegfried nicht für sich gewinnen kann, gönnt sie ihn auch Kriemhild nicht und lässt den Recken töten. Wohl findet Kriemhild im Hunnenkönig Etzel einen neuen Mann, trotzdem steht ihr der Sinn nach Rache. Als die von Kriemhild angelockte Burgundersippe endlich Etzels Hof besucht, endet das Festmahl nur im Blutbad, weil Kriemhilds Plan es so vorsah. Danach erschlägt sie Siegfrieds Mörder Hagen, und dessen Waffenmeister muss entsetzt mit ansehen, wie sein Held durch Weibes Hand stirbt. Zornig und empört darüber, tötet dieser schliesslich auch Kriemhild.

Es ist nicht immer einfach zu entscheiden, wer denn nun der wahre Held einer Geschichte ist. Nicht selten ist es letztlich eine Frage des eigenen Standpunktes. Auch sind wir keineswegs frei darin, mit welchen Mythen wir uns identifizieren, sondern werden ständig manipuliert von jenen, die sie für uns auswählen und auslegen. Gerade weil es keine historischen Belege für sie gibt, kann man Mythen beliebig verändern, aufbauschen oder auch verschweigen. Im Rahmen der geistigen Landesverteidigung erfüllten helvetische Mythen den Zweck, Wehrwille und Zusammenhalt im Volk zu stärken. Lange vorher schon hatte die Kirche ihrerseits kein Interesse daran, Mythen von starken Frauen in den Köpfen der weiblichen Gläubigen wirken zu sehen. Gezielt strich man erst die unerwünschten Episoden aus den Texten und schliesslich auch aus unserem Gedächtnis. Von Lilith zum Beispiel erfahren wir nur noch in einigen jüdischen Auslegungen, während die Bibel bekanntlich bei Adam und Eva beginnt. Gott aber erschuf am Anfang nicht nur Adam, sondern auch Lilith aus demselben Lehm. Lilith war Adam eine ebenbürtige und gleichgestellte Partnerin. Adam hat sich damit wohl nicht immer leicht getan, und so kam es, dass Lilith nach einem Streit mit ihm aus dem Paradies auszog. Als Adam lange genug über seine Einsamkeit gejammert hatte, bekam er schliesslich die umgänglichere Eva aus seinen Rippen geschnitten.

In der Bibel ist Lilith eine Randfigur geworden und wird lediglich im Buch Jesaja erwähnt, wo sie nach der Verwüstung Edoms zusammen mit allerlei Kreaturen in den Trümmern haust. Die Lutherbibel reduziert Lilith gar auf ein namenloses Nachtgespenst. In der jüdisch-feministischen Theologie hingegen wird Lilith als gelehrte, starke Frau dargestellt, die sich nicht Gottes, sondern Adams Herrschaft entzog. Auch konnte Lilith im Gegensatz zu Eva dem Teufel widerstehen, obwohl sie anderswo lebte, wurde sie nicht aus dem Paradies verstossen, sondern blieb unsterblich. Natürlich bot die Legende von Lilith den Feministinnen eine ideale Symbolfigur für die Selbständigkeit der Frau und gegen deren Unterdrückung durch den Mann. Mit ihrer Sinnlichkeit und Leidenschaft ist sie der perfekte Gegenpol zu Eva. Gerade das aber macht einen Mythos aus: man wählt ihn, verklärt ihn, verschweigt ihn und nutzt ihn, wie es einem gerade passt. Es ist auch seine Beliebigkeit, die ihn so beliebt macht.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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