Das Periskop ist ausgefahren

Twitter hat den Streaming-Dienst Periscope lanciert. Damit kann man jederzeit überall alles live filmen und in Echtzeit in die Welt hinaus senden. Auftauchen, Periskop ausfahren, aufnehmen, abtauchen. Ständige augenblickliche Unmittelbarkeit – mehr live geht nicht. Die Neuerung fällt in eine Zeit, die uns ihrerseits in Echtzeit vorführt, was passiert, wenn sich die Schleusen öffnen und Informationen ungefiltert die medialen Weltmeere fluten. Man kann einwenden, dass es wohl falsche Bilder gibt, ein Livestream hingegen schon der Unmittelbarkeit wegen wahr sein muss. Allerdings sieht die Wirklichkeit nicht aus jeder Perspektive gleich aus, und was gerade noch Gewissheit war, bleibt selten für alle Zeiten die einzige Wahrheit. Trotzdem sagt ein Bild mehr als tausend Worte, und im Digitalzeitalter sind bewegte Aufnahmen nicht mehr nur im Fernsehen ein unverzichtbarer Teil jeder Berichterstattung. Wie viel mehr kann also ein Livestream bieten, der ab sofort jedermann zum VJ macht! Anita Zielina, Chefredaktorin neue Produkte der NZZ, ist denn auch „sehr angetan“ von der Streaming-App, es sei „ein Traum für Auslandskorrespondenten, Reporter und überhaupt alle Journalisten“. Eben war noch die Verpixelung der Bilder von Google Street View ein Thema, notabene Momentaufnahmen aus der Vergangenheit, schon steht das globale Echtzeit-Schlüsselloch zur Verfügung.

Das Private wird mit Verve öffentlich gemacht. Die permanente Verbundenheit mit anderen ist vielen zum Dauerbedürfnis geworden. Doch neu ist das nicht. Buben linsten schon früher durch Lücken in der Wand, Mütter klebten Familienbilder in Fotoalben, Väter langweilten uns mit Diashows und nachts vertrauten Mädchen ihrem Tagebuch Lust und Frust an. Spätestens seit der Renaissance steht der Mensch zu seinem Bedürfnis, anderen in Wort und Bild mitzuteilen, wer er war, ist und sein will. Die Möglichkeiten jedoch, mit denen wir diesem Verlangen Ausdruck verleihen, haben sich gewaltig verändert. Neu ist vor allem die betäubende Geschwindigkeit, mit der wir mitfühlen, die völlige Schmerzfreiheit, mit der wir uns einander verbunden fühlen. „The world at your fingertips“ lautete der Werbeslogan für Internet-Handys der ersten Generation. Heute zuckt derselbe Finger pausenlos und hat nicht nur passiven Zugang zur Welt an seiner Fingerkuppe, sondern gestaltet sie aktiv multimedial in Echtzeit mit.

Das Livestreaming hebt als letzte Hemmschwelle nun auch die Mittelbarkeit des Schriftlichen auf. Das Formulieren eines Gedankens und Eingeben von Buchstaben erübrigt sich, der Touchscreen braucht keine Tastatur mehr. Es reicht, aufgrund eines spontanen Impulses mit dem Finger den Auslöser zu berühren und für andere Augen live zu senden, was gerade vor den eigenen passiert. Vorbei die Zeiten mit wenigstens kurzem Innehalten beim Tippen von Texten und Laden von Bildern. Viel zu schnell ist der Augenblick vorbei, den man gerade als bedeutungsvoll erkannt hat und folglich unbedingt mit der Welt teilen will. Zu seinem Wort muss man stehen, wer aber trägt die Verantwortung für die gestreamte Wirklichkeit? Die hitzig geführten Diskussionen der letzten Tage über Für und Wider von Namensnennungen und fragwürdige Bilderquellen zeigen, wie rasch selbst Routiniers die Kontrolle verlieren, wenn Hypes aus den Fugen geraten.

Wenn nun die Echtzeitbilder via Periscope auf uns nieder prasseln, dann nehmen laut Twitter „Zuschauer Einfluss auf die Person, die das Bild überträgt, indem sie ihm Nachrichten schicken und ihre Liebe durch ein einfaches antippen des Screens und dem dadurch ausgelösten Herz ausdrücken“. Aus liken ist tatsächlich lieben geworden! Natürlich schätzt der Mensch weiterhin die Anteilnahme anderer, er wird sich auch künftig bemühen, empathisch zu sein, und er wird noch immer nicht zu jeder Zeit scharf und zuverlässig zwischen Mitgefühl und Mitteilungsbedürfnis unterscheiden können. Die Verfügbarkeit von immer neuen Kommunikationswegen aber entbindet uns nicht von der Verantwortung für unser Tun. Es gibt immer auch die Alternative, den Finger nicht auf den Knopf zu legen und einen Livestream nicht anzuschauen. So wie man Kindern das Internet nicht verbieten kann, sondern ihnen vielmehr die Kompetenzen zu einem sinnvollen Umgang mit allen Medien vermittelt, müssen wir immer wieder dazu lernen, um selbstverantwortlich und besonnen mit den ständig neuen Versuchungen umzugehen. Das ist längst sowohl für Medien als auch deren Konsumenten und Nutzer zur alltäglichen Herausforderung geworden. Es bleibt zu hoffen, dass beide ihre Verantwortung nicht auf die leichte Schulter nehmen, damit aus dem Traum kein Albtraum wird.

Advertisements

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s