Frühlingsputz unter Freunden

In diesem Jahr wurde ich zum Frühlingsputz gezwungen, der Boden unter meinen Büchergestellen musste erneuert werden. Vor ein paar Wochen kam der Anruf, die Handwerker kündeten ihren unabwendbaren Einmarsch an. Also trat ich mutig vor die Ränge: es war soweit, die Bücher mussten raus aus ihren Nestern. Nicht ohne Schuldgefühle machte ich mich an die Arbeit und begann, sie reihenweise zu evakuieren. Es ist grausam, man stört ihre Ruhe, ihre Ordnung, ihren erhabenen Frieden. Wie die Kühe im Stall gewöhnen sie sich nämlich über die Jahre an ihre Nachbarn, mit denen sie Seite an Seite gedrängt zum intimen Schulterschluss gezwungen werden. Dennoch liess es sich nicht vermeiden, eins nach dem andern wurde von seinem Platz gezerrt und unter Protestgeschrei in schäbige Kisten gesteckt. Mit plötzlich entblössten Buchdeckeln wirken sie furchtbar schutzlos, hätten sie Hände und Füsse, sie würden verzweifelt damit strampeln. Obendrein nimmt man ihnen jede Würde, wenn man sie stapelt, jämmerlich aufeinander gepresst schauen sie einen vorwurfsvoll an und wimmern leise. Ich bezahlte die begangene Sünde mit tagelangen Rückenschmerzen.

Natürlich versuchte ich die Bücher damit zu trösten, schon bald entstaubt und in sauberen Regalen wieder ihre wohlverdiente Ruhe zu haben. Sie taten mir unendlich leid in ihren Bananenschachteln, auf ihr Mitgefühl bezüglich meiner Strapazen konnte ich umgekehrt hingegen nicht zählen. Es war auch Trotz, der mir aus den Kisten entgegen drang, und eine Spur Ängstlichkeit. Ob sie am Ende ahnten, in welcher Gefahr sie tatsächlich steckten? Manch einer riet mir nämlich, die Gelegenheit zu nutzen und gründlich zu entrümpeln, wenigstens einen Teil der Bücher zu entsorgen. Sicher, man muss seinen Stall regelmässig ausmisten, aber da werden doch nicht die Tiere aussortiert! Bücher sind wie Fotoalben, in denen man gelegentlich etwas nachschaut, um verblichene Erinnerungen aufzufrischen und sie vor dem endgültigen Vergessen zu retten. Zwischen Buchdeckeln stecken nicht nur Geschichten, Bücher werden Teil der eigenen Biographie, weil sie von unseren Reisen, Erfahrungen, Gedanken und Begegnungen erzählen. Ihre Widmungen sind zeitlose Briefe, und so manches Buch bewahrt, anders als ein Datenspeicher, auch intime Andenken mit zuverlässiger Verschwiegenheit.

Man nimmt sein Leben auseinander, wenn man Bücher ausräumt und anderswo auftürmt. Romane, Gedichtbände, Erzählungen, Sachbücher, Ratgeber und Nachschlagewerke berichten von einstigem Versagen, vergessenen Träumen, verlassenen Pfaden und verpassten Chancen, aber auch von überwundenen Tragödien, lehrreichen Umwegen und nachhaltigen Erkenntnissen. All das lag tagelang ausgebreitet und für jeden sichtbar auf dem Teppich. Entsprechend erleichtert war ich, als ihre jeweiligen Horste wieder für sie bereit standen und ich die offengelegten Innereien der vergangenen Jahrzehnte wieder diskreter aufbewahren konnte. Jedes einzelne wurde behutsam entstaubt und eingeräumt, eine ausgesprochen kontemplative Beschäftigung. Man blättert in einer Art dreidimensionalem Tagebuch, es  erinnerte mich an die alten Kinderbücher, aus deren Seiten sich uns beim Blättern immer neue und erstaunlichere Szenerien entgegenstreckten. Mit recht vergnüglichem Geschnatter erzählten mir die Bücher von längst vergessenen Abenteuern, brachten mich zum Lachen, neckten mich mit alten Geschichten und machten auch vor Wehmut keinen Halt.

Bücher sind zeitlose Zeugen von Wissen, über das wir wenigstens einmal verfügt haben, und das sie ein Leben lang für uns aufbewahren, sie begleiten uns auf dem mäandrierenden Weg zu neuen Einsichten und dokumentieren unser Vorwärtskommen. Zuverlässig geben sie uns zu jeder Tages- und Nachtzeit auch auf die peinlichsten Fragen eine Antwort. Gelegentlich loben sie uns sogar, indem sie nicht zuletzt auch dafür stehen, was wir erreicht, geschafft und vollbracht haben. Wenn es sein muss, mahnen sie uns oder geben uns den nötigen Stubs nach vorn. Bücher sind die zuverlässigsten Freunde, die man sich wünschen kann. Sie standen an so mancher Kreuzung, an der wir uns nicht zuletzt dank ihnen für den einen und nicht den anderen Weg entschieden haben. Manch einer mag einwenden, das alles könnten digitale Bücher auch, aber das stimmt nicht. Freunde nimmt man auch einmal in den Arm, und sie sind manchmal einfach nur da und hören uns beim Schweigen zu. Man verzichtet nicht auf echte Freunde, nur weil man in sozialen Netzwerken zahlreiche Follower hat. Ein E-Book macht nur Sinn, um ein echtes Buch unter harten Bedingungen nicht über Gebühr zu schädigen. Allein schon deshalb sollte die digitale Version beim Kauf zumindest eines gebundenen Buches inbegriffen sein. Nie im Leben würde ich mich von meinen Büchern trennen, das wäre so, als ob ich die gemeinsamen Momente im Leben löschen würde. Ich habe sie sehr gerne bei mir, seit ein paar Tagen wieder säuberlich an ihrem Platz, mit Aussicht auf den neuen Boden.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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