Im Auftrag des Zeus

Im Symposion schildert Platon wie Aristophanes vom Mythos der Kugelmenschen erzählt: die Menschen verfügten einst über runde Körper und konnten mit je vier Händen und Füssen nicht nur aufrecht gehen, sondern sich, indem sie ein Rad schlugen, auch erstaunlich schnell und wendig fortbewegten. Überhaupt waren sie derart kräftig und kühn, dass sie eines Tages sogar die Götter angreifen wollten, was Zeus natürlich überhaupt nicht passte. Doch vernichten wollte man das Menschengeschlecht dann doch nicht. Im Gegenteil, die Götter schätzten sowohl deren Huldigungen als auch ihre Menschenopfer. Also beschloss Zeus, die aufmüpfigen Kugelmenschen nur empfindlich zu schwächen und befahl Apollon, jeden einzelnen von ihnen zu halbieren. Das hatte ausserdem den Vorteil, dass es nun mehr Menschen gab, welche die Götter verehrten. Die Geschichte muss nach bald 2500 Jahren auch die helvetischen Mythenfreunde erreicht haben: die wollen jetzt die Anzahl Studierender in den Sozial- und Geisteswissenschaften halbieren!

Besonders gefährlich erscheinen ihnen Ethnologen, Soziologen und Germanisten. Man muss ja nicht fragen warum: die einen kümmern sich um fremdes Volk, die andern wurzeln in der Aufklärung und sind schon dem Namen nach links, und die Germanisten sprechen wohl einfach z‘höchs Tüütsch. Auch Historiker seien überzählig, weil sie auf dem Arbeitsmarkt schlicht nicht gebraucht werden, ausser als Chefredaktor bei der BAZ, aber der Job wird ja nun doch nicht so schnell frei. Sozialgeschichte andererseits klingt nur unnütz, zwingt aber mit Volkswirtschaft ausgebügelt einen erfolgreichen Weltwoche-Verleger sogar in die Politik. In diesen Kreisen wird das Liberale gerne etwas frei interpretiert, aber wenn schon das selbsterklärte Original nach staatlicher Lenkung bei der Studienwahl verlangt, beim Zeus, wo führt das hin? Vor zwei Jahren forderte bereits Christian Amsler eine Beschränkung für die Sozial- und Geisteswissenschaften, nun argumentiert der Zürcher FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann, es gäbe kein unbegrenztes Recht auf Selbstverwirklichung, wenn die Öffentlichkeit das Studium finanziere, müssten später auch wieder Steuern zurückfliessen. So manch einer mit dem offenbar staatsgefährdenden Bildungshintergrund rechnet rasch die Steuern zusammen: da ist doch ziemlich viel zurückgeflossen.

Mit ebendiesen Steuergeldern soll jetzt aber der Bund die Nachfrage nach Absolventen der drei verdächtigen Sünderfächern in der Privatwirtschaft prüfen. Den gemeinen Geisteswissenschaftler ergreift die nackte Panik, wenn die Wirtschaft diese Frage beantworten soll. Dort sucht man nämlich einen Personalchef und stellt den Soziologen ein, die Stelle des Projektmanagers besetzt man mit der Germanistin und den Controller-Job bekommt der Ethnologe. Das aber weiss man erst, wenn der ganze Lebenslauf gelesen ist. Im Übrigen gehören zur Privatwirtschaft auch Medienhäuser, die ganze Horden dieser subversiven Spezies beschäftigen. Nun gut, diese Branche ist, mit den erwähnten Ausnahmen, den selbsternannten Göttern ohnehin suspekt. Dankbar greift man also darauf zurück, was immer funktioniert: der Witz mit den arbeitslosen Ethnologen hat mindestens so einen Bart wie Platon, also lacht die Mehrheit mit und nickt. Es macht ja Sinn, wenn man den jungen Leuten die Soziologie verbietet und sie ins Medizinstudium zwingt, es geht auch hier um Menschen. Warum nicht in Tunnels buddeln statt in fremden Kulturen nodern, kommt doch aufs selbe raus, und fürs Deutsch braucht es allwäg ein Studium, die Germanisten sind also flexibel zuteilbar.

Doch so hanebüchen der Vorschlag ist, ein Aufschrei bleibt vorerst aus, erstaunlicherweise auch von den GermanistInnen. Dabei haben wir zu wenig Geisteswissenschaftler in diesem Land. Die Welt wird ständig komplexer, gleichzeitig erklärt man sie uns immer vereinfachter. Wir haben uns schon so sehr daran gewöhnt, dass wir auch gar nicht mehr wissen wollen. Kleine Häppchen für halbe Menschen: keine Ausländer, keine fremden Richter und keine Geisteswissenschaftler. Sobald Stimmvolk und Medien von diesen ewig hinterfragenden, selbständig denkenden und anmassend kommentierenden Intellektuellen befreit sind, wird das Volk den Bundesrat endlich selber wählen und Gesetze mittels Volksinitiative direkt in die Verfassung schreiben dürfen. Es bleibt die Hoffnung, dass dieser makabre Teilungsversuch so endet, wie Aristophanes Erzählung im Symposion. An besagtem Gastmahl nämlich feierte Agathon recht ausgelassen mit seinen Freunden Sokrates, Phaidros und Aristophanes. Der Herrenabend gipfelte in Lobreden auf den Eros, mit der Geschichte der Kugelmenschen erklärt Aristophanes, wohl schon recht angeheitert, dann die Erotik: seit ihrer Teilung suchen und begehren die beiden Hälften einander und wollen nichts anderes, als sich wieder zu vereinigen. Es wird höchste Zeit, dass sie erneut Räder schlagen und sich gegen die Götter auflehnen. Sonst haben wir wirklich den Salat!

Advertisements

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Ein Gedanke zu „Im Auftrag des Zeus“

  1. Bäcker,Metzger,Gärtner oder Geisteswissenschftler,ehrlich auch nicht angeheitert suchen einander und wollen nichts anderes als sich vereinigen,da haben wir den Salat mit Mayo,gut so oder?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s