Meinen Sie, Sie schaffen das?

Wer als Frau ein Einstellungsgespräch absolviert, sieht in den Augen ihres Gegenübers die Dollarzeichen der potentiellen Kosten ihrer künftigen Abwesenheiten, von Fehlinvestitionen in ihre Aus- und Weiterbildung und das Fragezeichen über allem: Schafft sie das? Wenn sie sagt, dass sie es schafft, dann auf jeden Fall, denn sie wird es nicht ohne Grund sagen. Sie wird es sich gründlich überlegt haben, mit allen Konsequenzen. Ein Ja einer Frau ist ein Ja, kein Vielleicht. Doch in der Arbeitswelt gilt der Business-Knigge der Männerwirtschaft. Mitmachen darf, wer bereit ist, die Spielregeln einzuhalten und sie nicht zu hinterfragen. Männer wachsen in diese Welt hinein, die Erwartungshaltung an sie ist klar und eindeutig: Sie sollen es im Sandkasten zu etwas bringen. Nicht alle wollen das, viele müssen den Druck aushalten lernen, und fast allen gelingt dies auch. Auch Frauen dürfen heute grundsätzlich gerne in diese öffentliche Welt eintreten, sofern sie bereit sind, sich den Regeln zu beugen, oder zumindest lernen, mit ihnen umzugehen. Das bedeutet auch, die Frage »Meinen Sie, Sie schaffen das?« nicht persönlich zu nehmen, und es bedingt, dass die Antwort darauf auch von einer Frau souverän und prompt kommt: »Ja, auf jeden Fall!« So lauten die Regeln, nach denen die Männerwirtschaft funktioniert, ihnen zu gehorchen ist der Preis, den auch Frauen in der Männerwirtschaft für die Anerkennung bezahlen müssen.

Im Männerwirtschaftsspiel sind Frauen dazu gezwungen, einen Teil ihrer Individualität zu verdrängen. Einerseits, weil sie die Spielregeln vielleicht anders gestaltet hätten, andererseits,  weil Frauen trotz aller Gleichstellung zwangsläufig als Individuum in dieser männlichen Welt auffallen. So manche Stilberatung empfiehlt zur Tarnung eine Art Business-Burka: kurze Haare, Hosenanzug, und Handtasche geprägt von einer Eleganz ohne Ausstrahlung, einem Frausein ohne Weiblichkeit und normierter Gefälligkeit ohne Anmut, Charme und Reiz. C. G. Jung nimmt bei Frauen zwar das grundsätzliche Vorhandensein eines Bewusstseins an, wenn auch ein »inferiores«, ein auf jeden Fall anderes als das männliche Bewusstsein. Naturgemäß gäbe es beim Mann Erfahrungsgebiete, die für die Frau noch im Schatten lägen, vor allem weil Frauen sich für diese Dinge wenig interessierten. Ihnen seien die persönlichen Dinge wichtiger als objektive Tatsachen und ihre Zusammenhänge. Jung unterstellt den Frauen ganz allgemein eine gewisse Unfähigkeit zur Meinung, die im besten Fall – bei schönen Frauen – für den Mann etwas rührend Kindliches hat, ihn ansonsten stets irritiert, schlecht begründet ist und ohnehin nur geäußert wird, »um wenigstens auch eine Meinung gehabt zu haben«. Bei intellektuellen Frauen besteht, glauben wir Jung, das angeblich kritische Argumentieren im Wesentlichen darin, einen nebensächlichen, schwachen Punkt zu einer sinnwidrigen Hauptsache zu machen. »Ohne es zu wissen, zielen solche Frauen bloß darauf hin, den Mann zu verärgern.«

So erklärt Jung, warum die Frau immer in Gefahr ist, ihre Weiblichkeit zu verlieren, weil sie dabei den Fehler macht, eine Funktion, die nach innen gehört, nach außen zu kehren. Natürlich sind diese Ansichten veraltet, aber ähnliche Gedanken sind auch heute noch in den Köpfen. Was Jung schreibt, liest sich heute so: Frauen können nicht einparken, dafür sind sie talentierter im Haushalten, und sie kümmern sich einfach besser um die Kinder. Die weiblichen Stärken von der emotionalen Intelligenz bis zur natürlichen Mediations- und Moderationsbegabung werden auch im beruflichen Umfeld durchaus geschätzt. Man sieht ihnen denn auch in aller Regel nach, dass sie mehr persönlich nehmen als ihre Kollegen und emotionalere Entscheidungen treffen. Doch nicht überall ist man so nachsichtig. Was bei Männern als Durchsetzungsstärke gilt, nennt man bei Frauen Sturheit, Männer sind intelligent, wo Frauen arrogant wirken, Führungsstärke hier heißt dort Dominanz, und wenn Vorgesetzte zielorientiert sind, wird bei den Kolleginnen schon mal kritisiert, dass sie für die Ideen und Vorschläge anderer kein offenes Ohr haben.

So gut gemeint Muttertag, Kindertagesstätten und Elterngeld auch sein mögen, vom Tochtertag im Kleinen bis zur Familienpolitik im Großen regelt und werkelt unsere Gesellschaft mit viel Kraft und Liebe an der Aufrechterhaltung der subtilen Grenzen zwischen weiblicher Innenwelt und männlicher Außenwelt. Wie in anderen Bereichen wird zwar viel von Integration und Gleichstellung geredet, aber alles dafür getan, das Trennende von Männer- und Weiberwirtschaft auf keinen Fall zu verdecken. Man mag sich über die wachsende Zahl von Frauen in Chefetagen freuen, doch einen halben Takt bevor die Zahl der Chefinnen stieg, wurden die Funktionen aus den Geschäftsleitungen wegorganisiert, unter einem (männlichen) CXY angesiedelt und stufengerecht entsprechend niedriger entlohnt. Erfreulich mag es sein, doch lacht man auch in diesem Fall besser nur mit dem einen Auge.

Aus: Weiberzeit, Johanna Angele (2012), Kapitel „Weiberwirtschaft“ (gekürzt)

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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