Griechisches Gold

Ich bin mit einem griechischen Heldenepos aufgewachsen: auf der Hochzeitsreise durch Hellas tötete mein Vater eine Schlange mit dem Zelt-Spaten. Das Land blieb die Quelle allen Überlebenswichtigen: Pythagoras in der Mathematik, Diogenes im Deutschunterricht, Antigone im Französisch. Heute fehlt den Griechen im Alphabet (!) nach A und B das C für Cash. Sie haben es verjubelt, verzockt, vielleicht auch nur verloren, jedenfalls ist es weg. Statt Kröten zu schlucken lebten sie auf Pump, bis schliesslich der Volksgürtel so eng geschnallt wurde, dass der Demos junge Wilde gegen die Institutionen (formerly known as Troika) aufmarschieren liess. „Der Menge gefallen heisst den Weisen missfallen“, sagte schon Plutarch. Mit Logos ist bei der Jugend bekanntlich wenig zu erreichen, ihre Provokationen können erwachsene Nerven ganz schön strapazieren. Ihre Ideen aber sind manchmal durchaus inspirierend. Varoufakis schrieb 2014 einen Blog über Kryptowährungen wie Bitcoin, ein digitales Gold, das im Gegensatz zum herkömmlichen Geld nicht von Staaten kontrolliert wird. Weil Staatsbanken normales Geld unbeschränkt drucken und in Umlauf bringen können, haben viele Angst vor einer Wertvernichtung und möchten ihr Geld mit Gold abgesichert wissen.

Bitcoins sind gegen diese Abwertungsgefahr gefeit durch eine Mengenbeschränkung. Zudem können sie nicht nur von Banken, sondern von jedermann geschürft werden, indem man Rechnerzeit zur Verfügung stellt, also Strom in Bitcoins umwandelt. Varoufakis schlug seinen Future-Tax Coin nicht vor, um Inflation zu verhindern, sondern um Geld zu schürfen. Die Währung würde vom Staat ausgegeben und wäre eins zu eins an den Euro gebunden. Nach einer gewissen Haltefrist würde er zu einer Steuerreduktion berechtigen. Im Prinzip könnte sich Griechenland also auf diese Weise Geld von seinen künftigen Steuereinnahmen leihen, um es heute wertschöpfend zu investieren. Man würde quasi zuerst die Steuern zahlen und dann erst den steuerpflichtigen Mehrwert schaffen. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Leute daran glauben, dass der Staat lange genug existiert, um ihnen diese Steuerrabatte dereinst zu gewähren. Die Fachwelt ist skeptisch, obwohl solche Spielchen längst Alltag sind. Mit der Ablösung der Versorgungswirtschaft durch die Erwerbswirtschaft verloren wir die Grenzen des Anfassbaren längst aus den Augen.

Lange schon können wir die Zukunft durch die Vergegenwärtigung künftiger Gewinne vorwegnehmen. Fröhlich tätigt ein jeder Termingeschäfte und Leerverkäufe mit Glück und Wohlstand. Das liegt wohl daran, dass wir Faust im Deutschunterricht lesen mussten, bei der Tragödie zweitem Teil nur noch das beliebte Lexikon konsultierten und die Lektüre eben nicht in Wirtschaftsfächern angeordnet wurde. Spätestens nach Eintritt der Dauerfinanzkrise wäre eine Lehrplanänderung angebracht gewesen, nach der Goethes Faust ökonomisch gedeutet würde, wie Hans Christoph Binswanger es in Geld und Magie tut. Auch Faust schwärmt nämlich vom Gold in des Kaisers Grund und Boden, vom Übermass der Bestände, die erstarrt und tief im Boden harren. Mephistopheles denkt natürlich gleich ans Praktische und empfiehlt, statt das Gold mühsam aus dem Erdreich zu holen, doch einfach Geld als Gegenwert zu drucken. „Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt, ist so bequem, man weiss doch, was man hat“. Die Begeisterung ist gross und das Potential wird rasch erkannt. Der Page will fortan lustig, heiter und guter Dinge leben, der Kämmerer beschliesst ab sofort doppelt so gute Flaschen zu trinken und dem nächsten jucken schon die Würfel in der Tasche. Lediglich der Bannerherr ist etwas bedachter und beschliesst, sein Schloss und Feld von Schulden frei zu kaufen. Womit wir wieder beim Thema wären.

Varoufakis hat Mephistopheles zugehört: die Griechen könnten sich mit einer Kryptowährung Zeit kaufen, auch wenn es das Problem nur vertagen würde. Bis jetzt scheiterten die Griechen ebenso wie Faust beim Versuch, die Zeit durch wirtschaftliche Taten zu überwinden. Im Gegensatz zu den Banken, die zwar Geld schöpfen können, kann der Markt allerdings wirklich wahre Werte schaffen. Wer aber Oliven ernten will, muss erst mal solche mit keimfähigen Kernen haben. Anders formuliert: es braucht Hotelzimmer für Leute wie Udo Jürgens, der in Griechenland die Idee für seinen Erfolgsschlager über den griechischen Wein hatte. Oder wenigstens Campingplätze für Hochzeitsreisen. Warum sollte das Griechenland im Zeitalter der Share Economy nicht mit einer digitalen Währung gelingen? Wer weiss, vielleicht gäbe es ja auch Touristen und Olivenölfans, die all das mit Ilovegreece-Coins bezahlen würden. Das wäre dann erstens eine Alternative zum Bitcoin, zweitens ein Wirtschaftswachstumsprogramm und drittens ein Investitionsprogramm. Aber eben, ich bin kein Ökonom, ich habe nur Faust 2.0 gelesen.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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