Zuerst passiert es anderen

Man erfährt vom Hörensagen, dass ein alter Schulfreund den Job verloren hat. Beim Abfallentsorgen erzählt die Nachbarin, der junge Vater im neu bezogenen Reihenhaus sei offenbar entlassen worden. Laut BfS wurden in der Schweiz 2014 über Vierzigtausend neue Stellen geschaffen, deutlich häufiger liest man allerdings vom Abbau derselben, das genaue Delta bleibt im Dunkeln. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, es resultiere unterm Strich doch eher ein Verlust. Bald erzählen Vereinsgefährten in der Beiz und Branchenkollegen beim Mittagessen von einer bevorstehenden Veränderung. Die Einschläge kommen näher, treffen plötzlich das eigene Team. Sie schreibt noch eine Kurznachricht, schon auf dem Heimweg, den Nachmittag nimmt sie sich frei. Man versucht es zu verstehen. Im Ausgang erzählt die Freundin beim Rotwein vom Ende einer Ära, sonntags am Familienbrunch erwähnt dasselbe dann der Schwager. Einmal ging die Firma überraschend in Konkurs, im andern Fall wurde das Unternehmen von der Konkurrenz geschluckt. Mal wurde der Arbeitsplatz im Zuge der jüngsten Reorganisation wegrationalisiert, ein andermal stimmt einfach die Chemie nicht mehr im Management. Natürlich fühlt man mit, ist Freund und Coach, und öffnet den Betroffenen gern jede Tür, zu der man Zugang hat.

Einzelschicksale denkt man erst, doch die Geschichten häufen sich. Vielleicht ist es nur die subjektive Wahrnehmung. Doch was, wenn man eines Tages selbst im Kreise mitbetroffener Kollegen steht, in den Gängen und beim Getränkeautomaten, leicht perplex und ohne Plan? Dort wird nun heftig diskutiert, wie es bloss zum Kollaps kam, warum das Management nicht früher etwas unternahm, und vor allem: was man hätte besser machen können. Es ist erstaunlich, wie viele Lösungen in so kurzer Zeit vom kleinen Grüppchen allein in einer Kaffeepause gefunden werden können. Vielversprechende Sanierungspläne, Wachstums-Strategien und Start-Up Ideen, ausgereifte Konzepte und brillante Geistesblitze liegen schon nach wenigen Minuten umsetzungstauglich auf dem Tisch. Man fragt sich, wenn das so einfach ist, warum es nicht schon längst in Firmenstrategie und Projektvorhaben Einzug fand. Die Vermutung liegt nah, es wurde schon gesagt, nur nicht gehört, weil andere es besser wussten. Es war immer da, das Knowhow, das jetzt geht.

Die Firma löst sich langsam auf, einer verschwindet nach dem andern. Die Wege trennen sich, Seilschaften fransen aus, eingeschworene Teams verteilen sich auf neue Unternehmen und irgendwann ist es Zeit, auch jenem Chef adieu zu sagen, dem man vieles verdankt und ihm das nie vergessen wird. Im Kreise der engsten Kollegen oder vor den versammelten Mitarbeitern am Apéro Riche werden Leistungen gepriesen und Erinnerungen zu Grabe getragen. Mit salbungsvollen Worten wenden sich ehemalige Vorgesetzte an die gewesene Belegschaft. Die Geschäftsleitung wird vom längst pensionierten Präsidenten laudatiert, man erfährt von alten Militärgeschichten und vom erfolgreichen Weg, den sie lange Jahre stolz gemeinsam gingen. So mancher hat über all die Zeit tapfer seinen Mann gestanden, die Firma dankt den Kombattanten und wünscht den tüchtigen Söldnern viel Erfolg für ihre nächste Schlacht. Man soll das nun erlittene Schicksal doch als persönliche Chance sehen, auf seinem weiteren Weg niemals vergessen, dass man stolz sein darf auf seine USPs und Kernkompetenzen. Es wird gemahnt, sich auf dem Markt nun keinesfalls unter seinem Wert zu verkaufen. Vor allem aber soll jeder sich schon bald für seinen neuen Arbeitgeber mit dem selben Elan einsetzen, den man hier bis vor ein paar Tagen noch so hoch zu schätzen wusste. Ein Elan, denkt dann der Statist im Auditorium, der notabene hier ganz offensichtlich nicht viel zählte. Im Publikum stehen auch ein paar Mitarbeiterinnen und denken, hätte man die Wehrpflicht für Frauen doch nur schon früher eingeführt.

Die meisten männlichen Kollegen hingegen gehen eher davon aus, dass die Dame neben ihm ja zur Not noch einen erwerbstätigen Mann im Rücken hat. Kann sein, doch ist nicht auszuschliessen, dass auch er gerade in einem anderen Gebäude Ähnliches durchlebt. Nur allzu gern hätte man hier und jetzt, noch besser schon vor Monaten und Jahren, eine Chance bekommen zu verhindern, was jetzt Anlass gibt zu dieser steifen Feier. Natürlich wäre man offen für ein Gespräch gewesen, man hätte über alles reden können, ein Entgegenkommen war nie ausgeschlossen. Nur eine Gelegenheit dazu bekam man nicht. Noch so gern hätte man Vorschläge eingebracht, die abgewimmelte Idee neu vorgetragen und an der Strategieumsetzung ein paar Änderungen angebracht. Gewünscht wurde das natürlich nie. Vielleicht hat man unlängst angedeutet, man wolle vorwärts kommen, doch wer hätte deswegen gleich am Stuhl vom Chef gesägt? Stets hat man Kritik angenommen, Leistungs- und Entwicklungsziele zuverlässig übertroffen, und niemals hat man sich beklagt, Messlatten würden ständig höher liegen. Was also hat man falsch gemacht? Man ist wütend, weil man so viel hätte ändern können, und es niemand ändern wollte. Zweifel nagen und Zukunftsängste quälen, ob man an einem nächsten Ort dann besser ins Gefüge passt, oder einmal mehr nicht einer Norm entspricht, die obendrein noch ständig ändert. Wahrscheinlich wird es bald wieder anderswo weiter gehen, oft ist ein Ende ja wirklich eine Chance. So tröstet manch einer seinen Freund und ist froh, dass ihn das jetzt nicht selbst betrifft.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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