Freiwilligenarbeit macht Sinn

Sie ist doch ein Schatz! Seraina Kobler beantwortet die Weltwochen-Frage nach den Kosten der Frau mit einer Gegenfrage: Was ist Arbeit wert, wenn sie nicht bezahlt wird? Hausarbeit, Vereinstätigkeit, politisches Engagement und die Pflege von Angehörigen haben einen erheblichen Wert, sind wichtig für das Funktionieren unserer Gesellschaft und können als Teil des Bruttoinlandprodukts verstanden werden. Das ehrenamtlich Geleistete ist ein wohl oft vergessener, aber unverzichtbarer Teil von Wertschöpfungsketten in Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. Trotzdem ist es äusserst gefährlich, ehrenamtliche Tätigkeit mit Lohnarbeit gleichzusetzen. Freiwilligenarbeit ist schlicht nicht finanzierbar. Wenn wir für sie trotzdem einen Lohn fordern, schmälern wir unseren Wohlstand und mindern unser Selbstwertgefühl.

Ehrenamtliche Organisationen könnten ohne freiwilliges Engagement den bedeutenden Beitrag, den sie für das Funktionieren unserer Gesellschaft leisten, nicht finanzieren. Müssten sie für die geleisteten Stunden zahlen, wären sie ohne beträchtliche Mittel aus welchen Quellen auch immer nicht mehr in der Lage, ihren Auftrag zu erfüllen. Doch woher die Mittel auch kämen, es würde in letzter Konsequenz mehr Steuern, höhere Preise und weniger Lohn bedeuten, weil der Gegenwert dieser ehrenamtlichen Beiträge zur Wertschöpfung bereits in allem eingepreist ist, was produziert und geleistet wird. Würde diese Arbeit nicht mehr unbezahlt erbracht, hätte das ohne Zweifel Einfluss auf die Wirtschaftsleistung und das Funktionieren des sozialen Lebens.

Wohl ist Freiwilligenarbeit unbezahlte Arbeit, belohnt aber denjenigen, der sie erbringt, mit Erfahrungen, Referenzen und Prestige. Diesen Gegenwert müsste man konsequenterweise abziehen vom Preis für ehrenamtliche Leistung. Viele Jugendverbände stellen heute Zeugnisse aus, die es ihren Mitgliedern ermöglichen, erworbene Fähigkeiten lohnwirksam zu nutzen. Den immateriellen Wert der gesammelten Erfahrung können sie so später materiell in Form von bezahlter Arbeit beziehen. Gleichzeitig begann schon vor Jahren eine Professionalisierung der Freiwilligenarbeit. Man war nicht länger bereit, qualifizierte Leistungen gratis für eine Organisation zu erbringen, wenn man dafür woanders einen Lohn bekam. Die Rekrutierung von Ehrenamtlichen wurde in der Folge überall immer schwieriger. Die Höhe des Lohnes gilt zunehmend als Mass für den Wert einer Tätigkeit, womit wir letztlich auch unseren Selbstwert verbinden. Weil Verbände und Gemeinden nicht mit Topsalären locken können, wird aus ehrenamtlicher Arbeit schleichend schlecht bezahlte Erwerbsarbeit. Was bleibt, ist der lausige Gegenwert von Engagement fürs Gemeinwohl.

Während die Klagen über den Sinnverlust der Erwerbsarbeit immer lauter werden, sind wir gleichzeitig auf bestem Weg, den noch verbleibenden Sinn in der Freiwilligenarbeit zu verspielen. Daran sind auch die Frauen schuld, wenn sie Lohn für Hausarbeit einfordern. Weil Männer lieber „wertvollere“ Tätigkeiten verrichten, bleibt der schlecht bezahlte Rest an Frauen hängen. Die einseitige Aufteilung der geleisteten Freiwilligenarbeit lässt sich aber nicht durch Bezahlung verschieben, sondern nur, indem wir anders handeln. Immer mehr Frauen bringen eine gute Ausbildung und professionelle Erfahrung in Partei-, Gemeinde- oder Verbandsvorständen ein. Dass die niedriger bewertete Hausarbeit nicht ebenso freiwillig von Männern übernommen wird, darf uns nicht erstaunen. Wenn Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen, sind sie gezwungen, die Hausarbeit auf den Abend und aufs Wochenende zu verschieben. Manche lagern einen Teil dieser Arbeiten aus. Das aber beweist vor allem eines: Hausarbeit kann aufgeschoben und delegiert werden. Man kann sie folglich liegen lassen und warten, bis es ein anderer tut. Er fängt schon an zu bügeln, wenn er keine Hemden mehr im Schrank findet.

Veröffentlicht am 23.2.2015 als Argumente Blog auf NZZ.ch

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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