Mehr Sinnlichkeit!

In der Verfilmung von Fifty Shades of Grey bleibe die Erotik auf der Strecke, schreiben Kritiker. Die Buchvorlage liess auf mehr hoffen, gleichwohl erregte auch der Filmstart die Gemüter, war Thema im Club, Grenzerfahrung bei Nachtwach und Beitrag im Kulturplatz. Der Bestseller versprach, unsere darbende Sinnlichkeit zu hegen. Literarisch ist er wertlos, doch als Sachbuch eine Verheissung: Nachhilfe in Sachen Sex und Liebe. Entsprechend hoch sind die Erwartung an den visuellen Anschauungsunterricht. Einigkeit herrscht freilich darüber, dass ein schlechter Roman verfilmt wurde, der nichtsdestotrotz weltweit über 100 Millionen Mal über den Ladentisch ging. Sex sells, hohe Verkaufszahlen betören, nichts ist sexier als Geld und Erfolg. Ein massentauglicher Kinofilm allerdings muss sich anderen kommerziellen Gesetzen unterwerfen als das im stillen Kämmerlein lesbare Buch. Gedreht wurde deshalb keim- und jugendfrei, nun darf ihn auch die lukrative Kundengruppe ab 16 sehen. Es bleibt ein kleiner Schönheitsfehler: der Streifen ist jetzt noch ungefähr so sexy wie ein grauer Nebeltag im Schweizer Mittelland.

Kommerzialisierte Sexiness als Ersatzbefriedigung für sinnliche Sehnsüchte, das kann nur schief gehen. Libertär ist eben nicht libidinös, ein Ersatz ist nicht das Original. Was aber tun, um all die Mühsal, die grauen Stunden unseres Daseins leichter zu ertragen? „Pour ne pas sentir l’horrible fardeau du temps qui brise vos épaules et vous penche vers la terre, il faut vous enivrer sans trêve“, rät Charles Baudelaire, man soll sich pausenlos berauschen. „Mais de quoi?“ Mit Wein. Zwanzig Jahre nach der Lettenräumung ist die Frage berechtigt: warum haben Menschen das Gefühl, ihr Leben nüchtern nicht ertragen zu können? Vielleicht auch, weil so viele verlernt haben, sich an der Sinnlichkeit selbst zu berauschen. Baudelaires Liste geht nämlich weiter: „De vin, de poésie, de vertu, à votre guise.“ Wein beseelt, wenn wir uns dem Tropfen mit wachen Sinnen widmen, der Genuss von Austern kann betören, im Hintergrund „Je t’aime … moi non plus“ auf Vinyl, Serge Gainsbourg und Brigitte Bardot, oder Jane Birkin, à votre guise.

Es gibt universal-erotische Rauschmittel, nur sind sie spröd geworden ob all der Werbebotschaften, die sie ständig transportieren mussten. Uns bleiben die ganz persönlichen Augenblicke sinnlicher Trunkenheit, elektrisierende Zärtlichkeiten, die, lässt man sich darauf ein, einer physischen Berührung in keiner Weise nachzustehen brauchen. Michel Sardous Ce n’est qu’un jeu im sommernächtlichen Garten, Bryan Ferrys Lost im Lavendelschaumbad, Dvořáks Cellokonzert mit Yo-Yo Ma im Lederfauteuil, oder ein anregender Roman am knisternden Kamin. Auch an Poesie lässt sich dort vortrefflich nippen, „If you offer him pheasant he would rather have grouse“, schnurrt Rum Tum Tugger. Wer es expliziter mag, nascht aus Shakespeares Sonetten oder kostet Goethes Römische Elegien. Victor Hugo hat uns diese Zeilen geschenkt:

Pour que la goutte d’eau sorte de la poussière,
Et redevienne perle en sa splendeur première,
Il suffit, c’est ainsi que tout remonte au jour,
D’un rayon de soleil ou d’un rayon d’amour !

Nein, das Leben wird kein bisschen erträglicher, wenn wir uns bulimisch mit Popart-Sex vollstopfen. Vielmehr betäuben wir damit die feinen Sinne und verlangen, ganz drogentypisch, nach immer stärkerem Geschütz. Um wie viel besser lässt sich doch die Last auf unsern Schultern mindern, wenn wir täglich die ureigenen Ekstasen zelebrieren. Selbst Zeitunglesen kann erregend und sehr sinnlich sein. Beim Schnuppern in Nachrichten und Eintauchen in die Meinungen kritischer und kluger Menschen stellt sich neugierige Spannung ein, Kommentare wohlbekannter Autoren wärmen mit behaglicher Vertrautheit, und manchmal entdeckt man im Subtilen zwischen geistvollen Zeilen aufgeregt den heimlichen Komplizen. Frissonnant! Im Kokon von leise raschelndem Papier, ein intimer Moment, ein kleiner Rausch, allmorgendlich im übervollen Zug. Es geht zur Not auch ohrverstöpselt und mit Tablet – à votre guise. Sinnlichkeit ist eben bunt, nicht grau-in-grau.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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