Polygamie ist Kapitulation

In der Unterwerfung bestünde der Gipfel des menschlichen Glücks, erklärt Professor Rediger seinem Gast François, auch in der Unterwerfung der Frau unter den Mann. François sucht nach Liebesglück und Lebenssinn. Die politischen Veränderungen in Houellebecqs Frankreich hatten seiner Lehrtätigkeit samt intellektuellem Sinn ein jähes Ende gesetzt. Damit versiegte auch der Nachschub an jungen Studentinnen, mit denen der Mitvierziger jeweils zu Semesterbeginn anzubandeln pflegte. Den ständigen Beschaffungsstress allerdings ist er ohnehin leid, er weiss, dass er im Alter eine Hausfrau braucht, und keine Dirnen mehr. Als sich nach den Wahlen die Gesellschaft zu verändern beginnt, reizt ihn natürlich der Gedanke, seinem Dilemma mittels Polygamie zu entgehen. Abwegig? Erst im April 2014 schockierte ein Gutachten, weil es eine Diskussion über Polygamie für erforderlich hielt. Anfang Januar 2015 erwog Milosz Matuschek in seinem Dr. Strangelove-Blog polygame Optionen, welche die Share-Economie der Liebe eröffnen könnte.

Nicht nur François sucht vergeblich nach Lebenssinn und Liebesglück. Kommt noch eine lausige Work-Life-Balance hinzu, wird manch einer leicht zum Burnout-Opfer. Hans Bertram spricht von einer überforderten Generation, die in fünf Jahren leisten muss, wofür sich ihre Eltern noch zehn Jahre Zeit nehmen konnten: Bildung, Karriere, Partnerschaft und Familie im Eilzugtempo. Obendrein verschlinge die Arbeit viel mehr Zeit als früher: während man 1965 noch mit 56 Arbeitsstunden seine Familie ernähren konnte, waren es 2008 schon 67 Stunden. Zu viel Stress, meint Bertram, weshalb junge Paare die Familiengründung erst mal auf später verschöben, oder im Gehetz den richtigen Zeitpunkt dafür ganz verpassten. Immer mehr Singles, hohe Scheidungsraten, wachsende Überalterung und ein Durcheinander familienpolitischer Standpunkte sind Folgen davon.

Dank des kollektiven Austritts der Frauen aus der Erwerbstätigkeit sinkt im Roman-Frankreich rasch die Arbeitslosigkeit. Die Vielehe würde natürlich auch den Stress reduzieren, die Frauen könnten sich die Hausarbeit teilen und wären vom Karrieredruck befreit. Für die Familienplanung stünde dank mehreren Müttern unterschiedlichen Alters deutlich mehr Zeit zur Verfügung. Es bliebe die Frage, wie ein Mann das alles finanzieren soll. In Houellebecqs Vision zahlen die neuen Besitzer der privatisierten Universität grosszügige Gehälter, von denen sich die Professoren bis zu drei Frauen leisten können. Das angenehme Leben bleibt auch hier ein Privileg der Gutbetuchten – und der Männer. Weder die 15jährige Kindfrau des Universitätsprofessors noch seine 40jährige Erstfrau dürften sich ein solches Arrangement gewünscht haben, Arbeitsteilung hin oder her. Auch das Sommaruga-Gutachten zieht Polygamie im Hinblick auf die wachsende Zahl an Zuwanderern mit entsprechender Tradition in Erwägung, und nicht als ernst gemeinte Lösung für die Lebens- und Liebeskrise der breiten Bevölkerung.

Bleibt noch die Share-Economy nach Dr. Strangelove. Doch neu ist auch das nicht, im Gegenteil: Mätressen und Hausfreunde gab es seit jeher, Hippie-Kommunen hatten unsere Eltern schon in den 60ern ausprobiert, und wer stört sich heute noch ernsthaft an Swingerclubs, käuflicher Liebe und offener Ehe? Auch die freie Liebe hat nichts gebracht, das Modell ist ebenso gescheitert wie die romantische Liebesheirat zuvor. Immer, wenn man mit seinem Latein am Ende ist, fängt man einfach wieder vorne an. Die Frage ist lediglich, was war zuerst? Die optimal arrangierte Paarung, die politisch-taktische Win-Win-Verbindung, die ständisch-wirtschaftliche Zweckheirat oder die arbeitsteilige Vernunftsehe? Man könnte es auch mit anderen Vorzeichen versuchen: warum nicht das polygame Matriarchat ausprobieren? In aller Regel allerdings scheitert eine schlechte Idee auch in ihrer Umkehrung.

So lange wir nur darüber debattieren, welche Gesellschaft unsere individuellen Bedürfnisse am besten erfüllt, werden wir weiterhin an unterschiedlichen Enden des Glücksfadens ziehen bis er reisst. Lebenssinn und Liebesglück sucht der Einzelne vergeblich in einer wie auch immer gestalteten Gesellschaft, denn beides findet der Mensch vor allem in der Gemeinschaft. Während wir uns der Gesellschaft nämlich gerne aus Eigennutz bedienen, sagt Ferdinand Tönnies, ist die Gemeinschaft der Zweck, und wir selbst das Mittel. Irgendwie scheint das mehr Glück zu versprechen, nicht zuletzt weil es dann Hingabe ist, und eben keine Unterwerfung.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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