Quotenfrau ist kein Schimpfwort

Der Beitrag zur Frauenquote in der SRF-Rundschau war weder besonders inspiriert noch bemerkenswert aufschlussreich. Das eigentlich Bedenkliche aber ist, dass Frauenquoten 2015 überhaupt noch ein Thema sind. Elend wird einem vom Begleitgezwitscher und Netzgezeter. Die einen fordern Frauenquoten, jene wollen keine Quotenfrauen sein, manche Männer provozieren einen Aufschrei, andere äussern sich zu Penetrationshemmungen (wohl eine späte Antwort auf den Penisneid). Die Positionen sind so gegensätzlich wie eh und je, nur dass sie heute nicht mehr geschlechtsspezifisch vertreten werden, sondern auf beiden Seiten Männer und Frauen argumentieren. Hat der Feminismus in all den Jahren wirklich nur erreicht, dass heute auch Frauen die alten Klischees bemühen? Ja, natürlich gibt es sie, Frauen, die es geschafft haben. Frauen, die es in einstigen Männerdomänen an die sonst Männern vorbehaltene Spitze gebracht haben. Frauen, denen es gelungen ist, Männerbastionen zu erstürmen. Doch die ständige Erwähnung der Geschlechter belegt: normal ist das noch nicht. Aber bald, sagt Doris Russi in der Rundschau. Aber wann ist bald? Zürichs Fachstelle für Gleichstellung wird 25 Jahre alt, wann ist bald? Nach gut 40 Jahren Frauenstimmrecht ist knapp ein Drittel des Nationalrats weiblich, im Ständerat ein Fünftel. In Geschäftsleitungen sitzen 6% Frauen, in Verwaltungsräten 13%. Überall wird gemessen und kontrolliert, trotzdem: what gets measured gets überhaupt nicht done. In diesen Tagen häufen sich die Nachfolgeankündigungen für Spitzenpositionen, doch vom Bankchef bis zum Chefredaktor übernehmen Männer das Zepter. Auch hier: es gibt sie, die Ausnahmeerscheinungen: Zanny Minton Beddoes wird Chefredaktorin des Economist. Eine Novität, ein Bruch mit der Tradition, nennt es die NZZ. Obwohl es eigentlich Tradition hat, dass der Posten dort intern besetzt wird.

Die Liste der Gründe für das langsame Vorankommen in Sachen Gleichstellung ist lang. Der Mann, das Kind, die Frau, die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Politik sind schuld, und natürlich die Natur. Viele Argumente sind noch immer biologistisch, obschon Judith Butler bereits in den 90ern ein Unbehagen der Geschlechter meldete und damit das postfeministische Zeitalter einläutete. Wir sind weit entfernt von einer Überwindung dessen, was die echte Gleichstellung der Geschlechter in Wahrheit verhindert: die ständige Erwähnung ihrer Unterschiedlichkeit. Männerbüros und Männerorganisationen als Antwort auf die Emanzipation? Männerquoten in Lehrberufen, Koedukation abschaffen, damit die Buben wieder bessere Bildungschancen bekommen? Aus dem Tochtertag wird ein Zukunftstag, damit nicht nur mehr Mädchen Männerberufe wählen, sondern auch mehr Knaben Frauenberufe. Damit liesse sich die Lohndiskriminierung der Frauen insofern aufheben, als mehr Männer in schlecht bezahlten Berufen tätig werden. Oder würde besser gezahlt, wenn der Männeranteil steigt? Zumindest sank seit jeher das damit verbundene Prestige, sobald die Frauen, wie ihm Lehrberuf, die Mehrheit übernahmen – und das bestimmt nicht, weil sie weniger gut ausgebildet sind. Tatsache ist nämlich auch, dass die Gleichberechtigung, für die Generationen von Frauen gekämpft haben, hierzulande längst erreicht ist. Insofern muss man den jungen Frauen recht geben, das Thema ist erledigt. Frauen dürfen alles und können rechtlich alles erreichen. Ab 1971 holten sie in der Politik zügig auf, seit den 90ern ist ein Drittel der Hochschulabsolventen weiblich, 2005 erreichten sie Parität. Frauen sind zu einem sehr hohen Anteil berufstätig und sie übernehmen immer öfter auch Führungspositionen. Das Problem ist nicht die Theorie, sondern die Praxis, nicht die Gleichberechtigung, sondern die Gleichstellung. Während manche Frauen tapfer Glasdecken einschlagen, geben viele Männer nur murrend Terrain preis. Umgekehrt nehmen Frauen gerne an, was ihre Mütter erkämpft haben, aber wenn es ums Aufgeben ihrer traditionellen Privilegien geht, lehnen sie sich genauso dagegen auf. Nein, wir haben kein Geschlechterproblem, sondern ein Problem mit der Individualisierung. Alle wollen alles, aber auf Kosten der anderen. Und genau deshalb braucht es Frauenquoten. Es ist manchmal einfacher, etwas tun zu müssen, als etwas tun zu wollen, weil man sich weniger rechtfertigen muss, weil man für die Folgen nicht alleine verantwortlich ist und bezüglich der Konsequenzen auf mehr Verständnis zählen kann.

Indem wir die Männer ein bisschen zwingen, aktiv Frauen zu suchen und zu wählen, steigt auch der Druck auf Frauen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Jene, die Frauen wählen, müssen sich weniger rechtfertigen, und Frauen, die ihre Chancen wahrnehmen wollen, können mit besserem Gewissen ja sagen. Indem es normaler wird, steigt auch der Bedarf und damit das Angebot an entsprechenden Strukturen, die Vorurteile schwinden und den Unternehmen geht es besser. Umgekehrt sinkt der Druck auf jene Männer, die ohne Gesichtsverlust auch heute kaum zugeben können, dass sie gerne mehr daheim wären. Mädchen würden dank mehr weiblichen Vorbildern häufiger besser bezahlte Berufe wählen und Buben würden weniger rauchen. Lohndiskriminierung, Doppelbelastung und Gewissenskonflikte, alles vom Tisch. Warum nur haben wir Angst eine Quotenfrau zu sein? Wir hören das ja jetzt schon, nebst so manch anderem, das kaum schmeichelnder ist. Goba-Chefin Gabriela Manser bringt es in der Rundschau auf den Punkt: wenn Frauen tough auftreten, denkt Mann „was isch das denn für e Räbe“, bei Männern spricht man von Fachkompetenz. Was ist an Quotenfrau beleidigender als eine Räbe mit Haaren auf den Zähnen zu sein? Oder eine Rabenmutter, die ihr aus aufgetauten Eizellen gezeugtes precious baby von der Nanny betreuen lässt? Wir Frauen sollten beherzt in den sauren Apfel beissen und uns als Quotenfrauen zur Verfügung stellen. Es wäre nicht der erste Biss in einen Apfel, und aus dem Garten Eden sind wir bekanntlich auch schon rausgeflogen. Vielleicht wäre der wiederholte Sündenfall ja gerade der Weg zurück ins Paradies. Überall dort, wo Quoten eingeführt wurden, waren sie weit schneller überflüssig, als man befürchtet hatte. Dass Männer gegen Quoten sind, darf nicht überraschen. Es ist nicht ihre Aufgabe, den Frauen den roten Teppich auszurollen. Die Mächtigen in der Wirtschaft werden es auch nicht tun, nicht nur weil es Männer sind. Nein, es liegt allein in Frauenhand, dem Wort Quotenfrau eine positive Bedeutung zu geben, indem wir die Gelegenheit nutzen und beweisen, dass wir einen Mehrwert schaffen, wenn man uns wie Doris Russi ans Ruder lässt. Indem wir uns vornehm weigern, setzen wir uns nämlich auch dem Verdacht aus, genau diesen Beweis nicht antreten zu wollen. Dann allerdings wäre Quotenfrau tatsächlich ein Schimpfwort.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Ein Gedanke zu „Quotenfrau ist kein Schimpfwort“

  1. In der Volksschul-Bildung sind Männer leider Mangelware. Wer tut sich noch an, einen Beruf zu wählen, in dem man schnell in die Pädophilen-Ecke gedrängt werden könnte, die Gefahr eines Burnouts doch recht hoch und das Prestige sehr tief ist? Die wenigen Lehrer werden auf dem Silbertablett vorgeführt, geniessen Minderheitsbonus und werden schneller Schulleiter, nicht weil sie besser sind, sondern weil sie sich diese Position zutrauen.

    Ich als Frau würde mich gegen Quotenlehrer wehren, denn ich arbeite lieber mit guten Frauen zusammen, obwohl ich gemischte Teams grundsätzlich vorziehe. Die Lösung des Problems sehe ich eher darin, dass typische Frauenberufe für Männer attraktiver gemacht werden müssen (und umgekehrt). In der Pflege ist es gelungen, den Männeranteil stetig zu steigern. Liegt es an den besseren Weiterbildungs- und Aufstiegschancen, die eine FaGe-Lehre beziehungsweise höhere Fachschule oder Fachhochschule für Pflege den Absolventinnen und Absolventen bietet oder an der Werbung?

    Bei Mädchen ist der Beruf der Fachfrau Betreuung (FaBe) für Kleinkinder so beliebt, dass viele (vor allem Frauen mit Migrationshintergrund) es in Kauf nehmen, zwei Jahre lang ein Praktikum zu absolvieren, bevor sie eine Lehrstelle bekommen. Sind die Kindertagesstätten wirklich auf so billige Arbeitskräfte angewiesen, dass sie die grosse Nachfrage ausnutzen müssen? Wie viel ist uns die Kinderbetreuung wert? Sind es die vielen alleinerziehenden Mütter mit ihren tiefen Löhnen, die nicht mehr bezahlen können?
    Wenn eine Fachfrau Betreuung nach drei Jahren Lehre endlich das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis erlangt hat, ist sie ein Jahr älter als der Kunststofftechnologe nach einer vierjährigen Lehre, der – wenn er gut und vielleicht schon spezialisiert ist – bereits fast das Doppelte verdienen kann.

    Immer wieder versuche ich Mädchen technische Ausbildungen schmackhaft zu machen. Mein Erfolg ist bescheiden. Woran liegt das: an den fehlenden Vorbildern, an der Sozialisierung, an der Gehirn-Entwicklung mit mehr oder weniger Testosteron?

    In meinem Umfeld hat es viele Paare mit mittlerweile fast erwachsenen Kindern. Einige haben die Familien- und Berufsarbeit aufgeteilt, meist mit mehr Familienzeit und weniger Prozenten im Beruf bei den Frauen. So konnten oft auch die Frauen sich beruflich gut entwickeln, doch die Belastung ist sehr hoch und geht auf Kosten der persönlichen Bedürfnisse der Frauen. Für Hobbys bleibt meist keine Zeit mehr und das Betreuungsmobile darf (etwa durch Krankheiten der Kinder) nicht ins Wanken kommen.

    Sind Quotenfrauen oder Quotenmänner wirklich die Lösung? Ich möchte jedenfalls keine Quotenfrau sein. Aber Stellen einfach auszuschreiben und darauf zu hoffen, dass sich Frauen bewerben, reicht eben auch nicht. Frauen müssen meiner Meinung nach aktiver aufgefordert, motiviert und gefördert werden und Mädchen sollte die Gelegenheit gegeben werden, Technik von Frauen vorgeführt zu bekommen und selbst zu erleben.

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