Obskurantismus

Das Problem ist der Populismus, der den Liberalismus zunehmend einkesselt und erstickt. Das Problem sind die Populisten, die uns von rechts und links mit ihren Regeln und Verboten den Mund und vor allem das Denken verbieten. Längst gibt es nämlich auf allen Seiten Konservative, die das Rad hinter die Aufklärung zurückdrehen wollen. „Die Ideen der Aufklärung machen ihren Weg, aber er verläuft parallel zu einem zunehmenden Obskurantismus“, sagt Pascal Bruckner in einem Interview in der NZZ. Die Obskuranten verdunkeln die Welt mit pessimistischen Vorhersagen, dem ständigen Verweisen auf die ewig gleichen Probleme und dem penetranten Schüren einer Angst vor Fremdem. Natürlich gibt es keinen Fortschritt, wenn man sich mit einer geradezu leidenschaftlichen Inbrunst dem Finden und Aufblasen von Problemen widmet, sich dabei aber gleichzeitig weigert, das Problem zu verstehen und über Lösungen zu reden. Das Problem selbst ist nie die Lösung. Nie. Es ist das Problem. Das aber gerade ist die Taktik der Populisten, sie schaffen eine Pseudosicherheit, indem sie die komplexe Wirklichkeit mit all ihren Problemen durch geradezu sträflich vereinfachte Darstellungen in eine simple Sicht der Dinge verwandeln und das dann Lösung nennen. Sie verdunkeln den Raum und lenken den Lichtkegel nur auf ein Detail, und ihre Anhänger starren auf das, was im Rampenlicht steht und nicken. Sie nicken und starren auf ein Detail eines Problems und meinen, die Lösung zu sehen.

Eingeklemmt zwischen dem Links- und Rechtspopulismus ist der liberale Mensch zunehmend bedroht. Stimmanteile, Listenverbindungen und Mythen, alles wird zur Waffe, wenn es darum geht, den letzten Rest von selbständig denkenden Menschen mundtot und vor allem handlungsunfähig zu machen. Denken braucht Zeit, Verstehen braucht Geduld und gute Lösungen brauchen viel Ausdauer und Durchhaltewillen. Doch wer ist heute noch bereit, Zeit, Geduld und Ausdauer aufzubringen, wenn alles rundherum laut schreit und scheinbare Lösungen sofort im Neonlicht präsentiert werden? Die tief hängenden Früchte sind uns längst die liebsten, wir wollen unsere Gelüste günstig und sofort befriedigen. Wir twittern und googeln, wir lesen keine dicken Bücher mehr und ziehen die Headline dem Hintergrundartikel vor. Der Populismus fällt auf fruchtbaren Boden, weil er mit Plakaten, Parolen und Feindbildern auskommt, um die Welt zu erklären. Der denkende, argumentierende, differenzierende Mensch wird zum Exoten, zum Zeitfresser und zum Langweiler. Der Aufgeklärte ist ein Auslaufmodell, er ist mühsam und mahnend. Und er ist ständig zu spät. Wenn die Debatten in den wenigen noch verbleibenden Nischen zum einen Thema ihre Höhepunkte erreichen, glotzt die Mehrheit längst wieder neue bewegende Bilder an.

Die Liberalen sind weder rechts noch links gerutscht, sie sind auch nicht unfähig, gute Leute zu rekrutieren, und sie scheitern nicht, weil sie schlechte Wahlkämpfe führen. Sie waren einst erfolgreich, weil die Mehrheit der Menschen davon überzeugt war, dass das liberale Denken die richtige Wahl ist, um gemeinsam eine gute Zukunft zu gestalten. Die Liberalen haben über Jahrzehnte die Geschicke geprägt, weil die Menschen mitdenken und mitgestalten wollten. Und weil sie es deshalb auch konnten. Die Liberalen sind heute unter Druck, weil die Menschen vom Populismus verführt langsam aber sicher verlernen, mitzudenken und mitzugestalten. Das ist an sich schon traurig genug, doch das Drama droht zu einem Desaster zu werden: immer mehr glauben bereits, dass sie tatsächlich nicht mehr denken und gestalten können und akzeptieren, dass sie es nicht mehr tun dürfen, nicht mehr tun sollen und folglich auch nicht mehr tun müssen. Der Populismus ist das Problem. Wir dürfen nicht zulassen, dass er sich selbst zur Lösung erklärt. Das Problem selbst ist nie die Lösung, und wird auch keine, wenn es von allen Seiten immer wieder laut skandiert wird. Es ist die Aufgabe der Liberalen, für das Denken Partei zu ergreifen, indem sie sich weiterhin in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft für Bildung, Eigenverantwortung und Demokratie engagieren. Nicht lauter, aber deutlicher!

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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