Einsicht fürs Leben

„Unglücklich ist die Seele, die des Zukünftigen wegen ängstlich ist,“ sagt Seneca. Trotzdem haben wir Angst vor der Zukunft und sind verflucht unglücklich. Ständig gelüstet uns nach Neuem, doch wenn es um Veränderungen geht, ziehen wir den Gegenwartsschmerz dem Zukunftsglück vor. Wir bleiben seltsam träge und leben lieber mir der Langeweile, als uns auf Abenteuer einzulassen. Geübt negieren, verharmlosen, deuten und verteidigen wir die Makel im Jetzt. Dem Alltagsschmerz begegnen wir mit gezielter Trunkenheit, mit Inbrunst leiden wir an der Sehnsucht nach Erleichterung, Erlösung und Ekstase. Ständig auf der Suche nach Glücksgefühlen sind wir entweder auf Entzug oder verkatert. Verzweifelt betäuben wir den Trübsinn mit allem, was Linderung verspricht, il faut être toujours ivre, sagt Baudelaire, enivrez-vous de vin, de poésie, ou de vertu à votre guise.

Natürlich weiss der denkende Mensch, dass es klüger wäre, sich dem eigentlichen Streben anzunehmen, statt sich mit allerhand Betörendem zu trösten. Eher selten handelt er danach. Der Gedanke, die Gegenwart zu verlieren, sie endgültig gegen ein völlig unbekanntes Morgen einzutauschen, er löst Panik aus. Selbstverständlich sind wir uns bewusst, wie sehr der Alltag schmerzt, gar schadet, fraglos steht allein das Heute unseren Träumen, Sehnsüchten und dem Glück im Weg. Doch was wenn die Taube just dann wegfliegt, wenn wir beherzt den Spatz loslassen? Der sicherste Weg, die Zukunft nicht zu erreichen, ist an der Gegenwart festzuhalten. In diesem Zwiespalt festgefroren, von der Gegenwartskälte betäubt und gelähmt, warten wir auf den erleuchtenden Sonnenstrahl.

Es ist ein bisschen wie Mikado spielen: Wenn etwas über Jahre entstanden ist, dann zieht man auch dann nicht vorschnell an einem Stäbchen, wenn „Problem“ draufsteht. Weil man weiss, dass es auf, an und unter anderen Hölzchen liegt. Es gilt den ganzen Haufen zu studieren, bis man sicher ist, dass dieses eine wirklich aus dem komplexen Gebilde herausgezogen werden kann. Je älter man wird, desto weniger will man das Spiel ganz von vorn anfangen, im Gegenteil, man will die guten und hart erarbeiteten Elemente erhalten und bewahren, will selektiv eingreifen. Aber wir wissen auch, dass sich der leidige Stachel nicht in Luft auflösen wird, nur weil wir ihn lange genug anstarren. „Wer die Einsicht besitzt, ist auch massvoll; wer massvoll ist, auch gleichmütig; wer gleichmütig ist, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen; wer sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist ohne Kummer; wer ohne Kummer ist, ist glücklich: also ist der Einsichtige glücklich, und die Einsicht reicht aus für ein glückliches Leben!“ Sagt Seneca. Wir wissen, dass wir das eine oder andere Stäbchen aus dem Haufen werden ziehen müssen, und täglich wächst die Einsicht, dass es jetzt Zeit ist dafür.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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