Alte Fasnacht

Kaum werden die olympisch besetzten Sendeplätze endlich wieder frei fürs liebgewonnene Gewohnte, hocken dort bereits – ta taa, ta taa, ta taa – die Hellau- und Aalaf-Unterhaltungsshows. Während es in diesem Rahmen nicht nur üblich ist, sondern geradezu erwartet wird, dass von Guddi Gutenberg und Co. die Ereignisse im Rückblick kommentiert und parodiert werden, droht hierzulande wohl ein Thema das alljährliche Narrentreiben zu begleiten, dessen Resonanz schon jetzt an die Alte Fasnacht erinnert. Diese hinkt der Herrenfasnacht nämlich ebenso hinterher, wie die sachlichen, differenzierten, klugen und konstruktiven Kommentare zur Masseneinwanderungsinitiative einschliesslich aller Ursachen und Wirkungen. Für einmal werden die Zuspätkommenden nicht vom Hund gebissen, sondern kommen vom Hund gebissen endlich auf den Punkt. Jetzt erst lodert dies- und jenseits des Bodensees die Leidenschaft fürs Thema wie die Feuer am Funkensonntag, dem Sonntag nach Aschermittwoch, auch bekannt als alemannische Buurefasnacht oder eben Alte Fasnacht.

Es ist schon erstaunlich, dass sich die beinahe uneingeschränkte Paroleneinigkeit (abgesehen von den Initianten natürlich) am Tag der Entscheidung dann in Wahrheit als ausgesprochene Zwiespalt herausstellt. Ganz offensichtlich hielt wie’s scheint so mancher seine Maske länger schon vor sein Gesicht. Das Volk, wenn man denn das halbe stimmende damit tatsächlich noch als solches ungestraft bezeichnen darf, hat seine Narrenfreiheit ausgenutzt. Die alten Gräben tun sich auf, die ewig üblichen Verdächtigen sind schuld, zuvor waren es die Fremden, danach sind’s nun die Bauernbuben. Wie jedes Jahr folgt auch in diesem auf die Herrenfasnacht dann die Bauernfasnacht. Konsens jedoch wird bald schon wieder herrschen, wenn stadtauf und landab dasselbe Thema Umzugswagen ziert, Fasnachtszeitungen füllt und jenseits des Rheins am selbigen für Lacher sorgt. Besonders freuen darf man sich auf die Schnitzelbängg der Basler, deren Fasnacht ebenfalls zur Alten zählt. Im Gegensatz zu der dürfen deren Gesellschaften allerdings die Ereignisse dann mit Fug und Recht im rückblickenden Überblick kommentieren.

In der Hoffnung, kluge Kommentatoren zu einer künftig proaktiveren Haltung zu bewegen, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die weltweit späteste Fasnacht alljährlich ausgerechnet dort stattfindet, wo man sich als Teil der Region Bodensee seit jeher wenig um die Grenzen schert. Die Groppenfasnacht in Ermatingen am Untersee ist die traditionsreichste Fasnacht in der Ostschweiz und findet erst am Sonntag Laetare statt. Andernorts ist dann schon lange Fastenzeit, und bis zum Osterfest sind nur noch drei Wochen durchzuhalten. Alles wird gut!

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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