Doktorwürde

Frau Schavan hat Gedanken anderer verwendet, unsauber zitiert. Man hat ihr den Doktortitel aberkannt. Was in ihrem Fall, da sie ihr Philosophiestudium direkt mit der Promotion abgeschlossen hat, sogar bedeutet, dass sie gar keinen Studienabschluss mehr hat. Sie soll zurücktreten, weil sie so natürlich nichts von dem mehr kann, was sie zuvor noch beherrschte. Person und Gewissen lautet der Titel ihrer Doktorarbeit. Das erlauchte Gremium hat befunden, dass Schavan in ihrer Arbeit „gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte“. Auch andere haben kopiert und geklaut, doch ist das wirklich dasselbe, wie wenn man die Gedanken anderer in seine einfliessen lässt? Wissen wir immer, welche Gedanken tatsächlich in unserem Kopf geboren wurden und welche sich bei uns nur eingenistet haben? Kann man eigene und adoptierte Kinder nicht genau gleich lieben? Sollte sich nicht gerade jemand, der sich mit Philosophie beschäftigt und mit Erziehung und Bildung zu tun hat, oft und intensiv mit den Ideen anderer beschäftigen und die Dinge auch mit den Gedanken anderer denken? Es ist schon vom Zeitaufwand her etwas anderes, denn während ihr blaublütiger Parteikollege sich der Copy-Paste-Funktion bedient hatte, musste sie noch ohne Internet und umfassend digitalisierte Quellen auskommen. Sie war also gezwungen, tatsächlich alles eigenhändig zu lesen, und zwar von vorn nach hinten, oder diagonal, aber stets zweidimensional. Von multidimensionaler und selektiver Textsuche mittels Stichworten oder nach Themen war damals noch keine Rede, Rosinenpicken und Fertigbackgugelhupf nicht im Angebot. Zitieren und Abschreiben war folglich, wenn es geschah, zumindest noch harte Knochenarbeit. Immerhin würde ihr eine gewisse Anerkennung dieser Leistung gebühren. Die Geschichte ist aber auch eine elegante Fortsetzung der Brüderle-Debatte, hatte doch Annette Schavan als ledige, kinderlose und berufstätige Frau vor einiger Zeit sogar Lesbengerüchte über sich ergehen lassen müssen. Dabei geht es nicht darum, dass die Plagiatsvorwürfe sexistisch motiviert sind, auch nicht darum, dass eine Lesbe zu sein überhaupt zu kritisieren wäre, sondern nur darum, dass wir offenbar keine anderen Probleme mehr haben als dass Männer beurteilen, ob eine Frau etwas als sexistisch und belästigend zu empfinden hat oder nicht, dass Menschen, die ihre eigenen Vorlieben und Lebensweisen als normal definieren anderen das ihrer Meinung nach folglich abnormale Verhalten vorwerfen und dass die grosse Mehrheit eine kleine Minderheit seit einiger Zeit in regelmässigen Abständen zu Rücktritten aufgrund von Fakten auffordert, die weder die Schlagzeilen produzierende noch die Medien konsumierende Masse überhaupt in all ihren Feinheiten und Folgen beurteilen kann. Lernen daraus können wir dennoch etwas: die Titelgläubigkeit ist altmodisch und überholt, das Prestige der mehr oder weniger akademischen Würden so verstaubt wie die alten Orden aus der Kaiserzeit. Wir alle täten gut daran, wieder vermehrt auf die wirkliche Würde des Menschen zu achten, seine wahren Werte zu würdigen und wieder mit mehr Respekt vor der Person zu agieren. Dann hätten wir auch ein besseres Gewissen.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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