Gelesen!

Sie: Hast du diesen Artikel gelesen?
Er: Ja.
Sie: Und, was meinst du dazu?
Er: Naja, ok, sagt nicht viel aus.
Sie: Was meinst du damit, inwiefern sagt er nicht viel aus? Was fehlt denn?
Er: Gefällt mir halt nicht. Punkt.
Sie: Was gefällt dir denn nicht am Artikel?
Er: Lass mich doch in Ruhe damit.
Sie: Hast du den Artikel denn überhaupt gelesen?
Er: Lass deine ewigen Vorwürfe. Merkst du eigentlich, dass du störst? Ich habe jetzt keine Zeit, ich muss mich hier konzentrieren.
Dann schiebt er den hingelegten Artikel über Velorundstrecken beiseite und widmet sich wieder der Planung der alljährlichen Pfingstrennradtour mit seinen Radrennfreunden.

Es ist überwältigend, was Männer alles lesen und folglich wissen. Noch erstaunlicher ist, wie schnell und effizient sie lesen. Männer sind Meister im diagonal lesen. Headline, Lead. Ende. Das ist die ausführliche Lesart. Normalerweise genügt die Headline. Die Betreffzeile im Mail. Der Buchtitel. Völlig ausreichend für eine umfassende Information über Inhalt sowie eine ebenso fundierte Analyse der Hintergründe und Auswirkungen. Absolut angemessener Aufwand für eine ausführliche Würdigung des Textes, der Erstellung eines Profils der Persönlichkeit des Verfassers einschliesslich seiner Beweggründe, sowie einer zuverlässigen Einschätzung der Rezeption durch das Zielpublikum. Deshalb lohnt es sich auch nicht, Literaturdiskussionen zu verfolgen (es genügt zu wissen, wer daran teilnimmt und welche Bücher besprochen werden) oder gar Rezensionen zu lesen (es sei denn, die Headline). Der Mann muss eine Meinung haben, und weil es heute so viel gibt, wozu er Stellung nehmen soll, muss er es meisterhaft beherrschen, mit einem absoluten Minimum an Zeiteinsatz ein Maximum an Standpunkten zu vertreten. So ist es auch nachvollziehbar, dass er – nach seiner etwas oberflächlich wirkenden Einschätzung – ihre sachliche Frage, ob er denn den Artikel überhaupt gelesen habe, sofort als Vorwurf auffasst. Natürlich hat er den Artikel nicht gelesen, was wäre das für eine Zeitverschwendung, und selbstverständlich kennt er den Inhalt, samt seiner dezidierten Meinung dazu. Folglich ist ihr Nachfragen in Wirklichkeit ein Versuch, seine abgegebene Beurteilung anzuzweifeln, und das geht natürlich gar nicht. Der ständige Versuch, über Inhalte jeglicher Natur beständig debattieren zu wollen, ist eine der wohl unerträglichsten Eigenschaften der Damenwelt. Dabei ist es nicht so, dass Männer nicht zuhören können, das ist überhaupt eine völlig falsche Behauptung. Vielmehr hören sie ausserordentlich gut zu, dem Fussballkommentator, dem Verkäufer im Baumarkt  und grundsätzlich all jenen, die reden, wenn sie etwas sagen will. Es geht also nicht darum, ob sie über einen Artikel mit ihm sprechen will, weil sie vielleicht daran interessiert wäre, was er über diesen denkt. Sie hat ihn ja gelesen, weil sie sich informieren will über jene Dinge, die ihn so interessieren. Sondern es geht darum, dass sie mit der kompetenten und kommentarlosen Kurzzusammenfassung nichts anfangen kann, weil sie, anders als Männer, nicht so rasch lesen, analysieren, interpretieren und beurteilen kann. Frauen sind da eben etwas – anders.

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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