Weihnachtsbuchmarkt

Zahlreiche Frauen und Männer haben Weiberzeit gelesen und mir mit ihren rührenden, motivierenden und erfrischenden Kommentaren wohlgetan. Ihnen gebührt mein Dank für die vielen Glücksmomente, die ich wie Adventskalendertürchen immer wieder öffnen durfte. Sie hatten Freude am Buch, viele haben sich ein weiteres Exemplar besorgt, mit dem sie in wenigen Tagen andere im Kerzenschein beglücken. Der Leserkreis wächst, die Reaktionen erreichen mich immer seltener unmittelbar. Die Schilderungen von Gesprächen werden mir fehlen, die witzigen Sprüche und kleinen Sticheleien, die von der Auseinandersetzung mit den Themen des Buches zeugen. Sie erhellten die vergangenen grauen Herbstwochen wie die tanzenden und warmen Lichter die Adventszeit. Doch nicht überall leuchten Kerzen dunkle Räume aus, manch ein Wintertag bleibt schwarz und kalt. Damit meine ich nicht fundierte Kritik an meinem Buch, das wäre immerhin eine Würdigung von schlechter Leistung. Vielmehr muss ich meine Enttäuschung über das gelegentlich überheblich anmutende konsequente Desinteresse der für Bücher zuständigen Fachwelt eingestehen. Die Presse vermutet hinter einem Artikel über ein käufliches Buch prinzipiell niedere Werbegelüste, Kritiker befassen sich nicht mit einem Niemand, privat begeisterte Leser möchten ihr Expertennetzwerk nicht ohne Not bemühen und vom Lesen entzückte Kulturkreise ermuntern einen zum Weiterschreiben, doch damit ist in der Sache selbst genug getan. Bücher aus nicht renommierten Verlagen zu führen oder auch nur zu lesen bezeichnet der Buchhandel als Luxus, den er sich nicht leisten kann, man habe schon an Büchern aus mittelständischen Verlagen genug zu beissen. Die Lage ist desaströs, untreue Kundschaft frequentiert Buchläden ennet der Grenze oder wählt die noch empörendere Alternative Online-Handel. Sobald das Buch regelmässig verlangt wird, legen sie es natürlich sofort auf. Nur, wer das Buch schon kennt und folglich will, bestellt oder holt es dort, wo es sofort verfügbar und obendrein billiger ist. Läge es hingegen auf, würde das Interesse spontan geweckt und der Kaufentscheid vor Ort gefällt. Stattdessen liegen in all den Auslagen im deutschen Sprachraum zurzeit überall dieselben Bücher zwischen Tannenzweigen, Glitzerwerk und Watteschnee. Im Gerangel um Weihnachtsmarktanteile umgibt sich der geplagte Buchhandel mit bunten Auslagen bekannter Bücher, die in jeder Zeitung vorgestellt, in jeder Literatursendung besprochen und von jedem Online-Anbieter jetzt vor Weihnachten beinah im Stundenrhythmus beworben werden – und jammert, weil die Leute anderswo einkaufen. Ausser in der Buchhandlung Akzente, da liegt auch Weiberzeit. Aber wer braucht heute noch einen beratenden und belesenen Buchhändler? Man muss sich schon sehr anstrengen, wenn man die Neuerscheinung der Bestseller aus aller Herren Länder verpassen will. Ein Buch muss durch das Nadelöhr eines Verlags gegangen sein, auch das ein Rat aus Fachkreisen, sonst ist es das Papier nicht wert, auf das es gedruckt ist. Abfall, und damit eben aus der Sicht der Buchverkäufer: Luxus. Natürlich hätte ich mein Buch sehr gerne in einem guten Verlag herausgegeben. Doch diese liessen, von Fusionen und aufreibenden internen Querelen abgelenkt, schon im letzten Winter verlauten, dass sie in diesen schweren Zeiten Manuskripte Unbekannter nur von renommierten Literaturagenten entgegen nehmen. An die hätte ich mich wenden sollen, lautete einer der seltenen konstruktiven Tipps der Fachwelt. Hätte ich natürlich sehr gerne getan, doch diejenigen, die man ohne bereits ein Bestsellerautor zu sein überhaupt direkt ansprechen kann, haben mehr als genügend erfolgreiche Autoren unter Vertrag. So gesehen muss der Verlags- und Buchhandel enorm lukrativ sein, vielleicht ein Hafen für erschöpfte Banker? Auf jeden Fall eine Branche, die sorglos dulden kann, dass man in der Schweiz viel mehr für ein Buch bezahlt als in Deutschland, und die neben dem Online-Handel so locker bestehen kann, dass man es sich leisten darf, überall sämtliche Neuerscheinungen jeglicher Qualität auf dieselbe Weise zur gleichen Zeit anzubieten. Der selbstbewusste Buchhandel leistet Grosses! Wenn man von all den Toptiteln schon als normaler Leser täglich überschwemmt wird, muss man als Profi förmlich ersaufen in der Flut von Bestsellern, die schon welche sind, wenn sie im Buchhandel landen. Doch wenn von Dietrich, Herles und Heidenreich über Safranski bis Zimmermann und Zweifel jeder über die gleichen Bestseller Ähnliches befindet, warum spart sich ein Buchhändler dann nicht die Zeit zum Lesen gerade dieser Bücher und gönnt sich dafür einen Eindruck von jenen Texten, die ausser ihnen keiner rezensiert? Damit allerdings wird es sich verhalten wie mit den Pressemeldungen, mit denen man auf immer mehr Kanälen unter immer weniger einheitlichen Brands permanent überflutet wird: wozu brauche ich eine Regionalzeitung, wenn sie nebst dem provinziellen Pflichtteil nur noch aus jenen Informationen besteht, von denen man bereits vor dem Gang zum Briefkasten im Radio und auf sozialen Netzen erfahren hat, und die man später in der Pendlerzeitung, auf Leuchtanzeigen oder abends in den Fernsehnachrichten bis zur Völlerei vorgesetzt bekommt? Wozu brauche ich eine Qualitätszeitung, wenn ich alle Meldungen vorab schon von der Redaktion gezwitschert bekommen habe und der Chef persönlich seinen Lesern morgens neuerdings das Wichtigste auch noch per Mail schickt? Ich dachte das hätten wir überwunden: man schickt ein Mail und ruft dann an um nachzufragen, ob es angekommen ist. Früher war es Misstrauen gegenüber einer neuen technischen Errungenschaft, heute ist es wohl die nackte Panik, man könnte etwas nicht bringen, das alle anderen aufgegriffen haben. Es erklärt, warum die Weihnachtszeit so streng geworden ist: statt Buchtipp im Laden und Nachrichten aus der Tageszeitung ertrinken wir in der ständig dröhnenden Informationsflut bis uns vom Durcheinanderessen schlecht ist. Im Auge des Sturms kehrt zwischen den Jahren Ruhe ein, die Abendtalkshows schweigen, das Handy bleibt stumm. Stille Zeit mit einem schönen Buch, selbst die Zeitung bleibt für ein paar Tage aus. Auch das gehört zur Weihnachtszeit!

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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