Heimchen

Das Heimchen steht bekanntlich am Herd. Dort kocht es, wenn es nicht gerade wäscht, putzt oder einkauft, die Kinder zur Schule fährt, den Gatten vom Zug abholt oder sich ständig bückend den Spuren ihrer Pflichten in Form von Männersocken am Bettrand, Kinderspielzeug beim Sofa oder Teenagerjacken im Hausflur folgt. So jedenfalls kennen wir das Heimchen des 20. Jahrhunderts, das sich in den letzten Jahrzehnten vom Es zur Sie emanzipierte und für diese Leistung mit dem Titel Hausfrau, später gar Familienfrau ausgezeichnet wurde. Heute ist sie oft zumindest teilzeitig auch mit Ehrenamt oder Erwerbsarbeit beschäftigt, hat sich bereits mit Mal- , Schreib- und Tankzworkshops fürs erste ausreichend selbst verwirklicht und ist im Grunde ganz zuversichtlich, dass ihre Ehe samt Altersvorsorge das Gröbste überstanden hat und nun bis zum Ende halten wird, was einst versprochen wurde. Der über die Jahrzehnte verwaiste Begriff Heimchen ist reif für eine neue Bedeutung, denn auch Wortressourcen sind zu schonen, indem wir sie rezyklieren und die frei gewordene Verpackung mit neuem Ihnhalt füllen. Um dem Heimchen neuen Glanz zu verleihen, gilt es erst, seine Vergangenheit auszuleuchten. Weil einst die Herde in der Küche mit Holz und echten Flammen tatsächlich befeuert wurden, bestand beständig Brandgefahr. Ob nun der weiblichen Unzuverlässigkeit oder jener des Küchenpersonals wegen, bleibt unbeantwortet, sicher aber zum Schutz von Hab und Gut liess man sich etwas einfallen: man stellte Grillen, genannt Heimchen, in einem Käfig neben den Herd. Wird es den Tieren nämlich zu heiss, zirpen sie und schlagen Alarm, wenn das Feuer zu gross wird. Bekannt wurde der Ausdruck Heimchen am Herd aber auch durch Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte The Cricket on the Hearth, das in drei „Zirpen“ ein Märchen über das Daheim erzählt, indem wohl die Grillen und ihr Zirpen eine Rolle spielen, wo hingegen die Frauen durchaus selbstbestimmt auch ausser Haus agieren. Unser Neuzeit-Heimchen dagegen wird mit Gesellschaftsanerkennung in Form von Betreuungsprämien belohnt, wenn es zu Hause bleibt. Gleichzeitig aber enerviert sich eine Sozialdemokratin, wenn ein Liberaler auch in der angestrebten Chefposition weiterhin einen Teil zu Hausarbeit und Kinderbetreuung beitragen will. Verteidigt da tatsächlich eine Karrierefrau das Heimchenrevier? Hat sie nun Angst vor mehr weiblicher Konkurrenz aufgrund der angedrohten Einführung einer europäischen Frauenquote? In einer Zukunft, nach der man sich im 21. Jahrhundert hingegen tatsächlich sehnt, ist das Heimchen wohl noch immer in Herdnähe, aber weder Grille noch Hauswesen, sondern ein berufstätiger Mensch, der seine Produktivität optimiert, seine Ressourcen schont, als ökologisch und ökonomisch denkender Weltbürger Emissionen ebenso wie Kosten spart und ganz einfach einen Teil seiner Erwerbsarbeit daheim im Homeoffice erbringt.

Advertisements

Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s