Himmelssturz

Draussen haben sich die grauen Nebel zwischen Hügeln, Baumwipfeln und Häusern nun wohl für länger eingenistet, in Portugal werden Denkmäler in schwarze Tücher gehüllt und nach dem bunten Wahljubel mutet Herrn Petraeus Fall in den Morast unappetitlicher Affären aller Art ebenfalls recht trüb und trist an. Die Gerüchteküche brodelt, denn am Zickenkrieg seiner Mätressen alleine kann es kaum gelegen haben. Erpressbar wäre er geworden, sagt man, ein Techtelmechtel mit der Biografin, unschön, sicher, aber gleich so eine Staatsaffäre? Zu erwähnen wäre da noch die offenbar sowohl in CIA als auch in FBI Kreisen begehrte Lady in Florida, deren anderer Verehrer sich dann offenbar doch etwas zu sehr im Fall verbiss. Nun gut, Himmelsstürze liegen wohl zur Zeit im Trend. Doch auch an dieser Front ist nicht nur die obligate Uhrenreklame diesmal britisch grau und dunkel eingefärbt, hier geht es gar den Damen an den Kragen. M wird wohl nicht mehr lange weiblich sein, nach dem verflixten siebten Mal ist sie vorbei, die emanzipierte Neuzeit bei den Bonds. Bis zur Bond, Jamie Bond, wird’s wohl noch dauern. Doch immerhin für einmal positiv zu erwähnen: diesmal wird der englische Originaltitel nicht verhunzt und eingedeutscht, auch hier zu Lande heisst der neuste 007-Streifen Skyfall. Der deutsche Titel wurde schon verwendet, 2002 als Buchtitel des Beziehungsromans von Gregor Hens und als deutscher Titel für Alastair Reynolds 2005 erschienener Science Fiction Roman „Pushing Ice“. Da ging man lieber gleich dem Ärger mit den Verlagen aus dem Weg. Oder lag es einfach daran, dass Skyfall wesentlich frischer klingt als – Himmelssturz? Der Rücktritt von Petraeus mag ein schwerer Schlag sein für Präsident Obama, doch wie fähig kann ein Stratege sein, der Auszeichnungen förmlich anzieht, sich aber offensichtlich ziemlich leichtfertig ausziehen lässt? Ihn mit einem gefallenen Helden oder Engel zu vergleichen wäre geradezu vermessen. Warum sollen all die Generäle denn auch Helden sein? Diese sind dann doch viel eher im Feld und an der Front zu finden, im ultrasicheren Häuptlingsbüro sitzen selten tapfere Indianer. Da passt schon eher das Bild vom an den väterlichen Erwartungen zerbrochenen Sohn, dessen Scheitern zum Himmelssturz führt. Der Sohn ist ein Dädalus, von Ikarus wohl gewarnt vor zu viel Übermut, doch vielleicht gerade deshalb so tollkühn, weil er dem Vater auf Teufel komm raus beweisen will, dass er den Ansprüchen genügt (ein Blickwinkel, den Wilfried Köpke vorschlägt). A propos Teufel, der ja ursprünglich vom Himmel stürzte: er fiel als Folge seines vermessenen Strebens nach Gottgleichheit, aufgrund seines Stolzes,  dem mangelnden Respekt gegenüber den Menschen und aus sexueller Lust, weil böse Engel im Liebestaumel den Menschentöchtern himmlische Geheimnisse verrieten. Ist Petraeus also doch ein gefallener Engel? Nun, wer die Geschichte genau nachlesen will, dem sei John Miltons Paradise Lost empfohlen. Wer wissen will, wie man es im 17. Jahrhundert hätte wiedererlangen können, der lese noch die Fortsetzung: Paradise regained. Allen andern zeigt Weiberzeit den Weg in ein recht viel zeitgemässeres Paradies…

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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