Duelle

Moderne Duelle finden nicht mehr zwischen morgengrauen Nebelschwaden am Flussufer statt, sondern im warm beleuchteten Fernsehstudio, beziehungsweise in gedimmter Wohnstubenstimmung. Wie einst Gladiatoren – zumeist Sklaven – wagen sich Machtinhaber und Machtanwärter in die Höhle der abwartenden Löwen. Zubeissen werden sie erst nach der Veranstaltung, wenn sie ihr Votum abgeben. Daumen hoch für den einen, runter für den andern. Ganz kaiserlich, im Sinne von: vox populi, die wahre Macht liegt in einer Demokratie natürlich beim Volk! Es stimmt ab, zählt aus, jubelt oder buht: weg mit dem Kandidaten, aus! Oder sie wählen einen von ihnen zum nächsten Stern am Himmelszelt: das Megatalent, die Göttin des Universums, den Jahrtausendsasa. Alles wählen wir heute mit lautem Geschrei, vom neuen Topmodel über den nächsten Superstar bis hin zum Gipfelstürmer und zum amerikanischen Präsidenten. One world, one vision, one procedure. The same as every year, James, sagte schon Miss Sophie. Das reicht vollkommen aus in einer globalen Welt, in der ohnehin alles über einen Kamm geschert wird, weil die Menschen keine Zeit mehr haben für die subtilen Differenzen. Schwarz und weiss, eine neue Form der Apartheit ist entstanden, bei der zwar nun immer mehr ins eine oder andere Töpfchen passt, doch das, was einmal zugeteilt ist, genauso hartnäckig dann dort hängen bleibt, wie sich früher Vorurteile allerorts in sturen Köpfen hielten. Und weil man voten konnte, das grüne oder das rote Knöpfchen drücken durfte, ein Kreuzchen hier oder eines da hinsetzen musste, da denkt man dann vom Ural bis nach Paris, links und rechts rum um den Globus, das wäre jetzt Demokratie. Deren Mutterland übrigens England sei, laut „Freitag“-Herausgeber Jakob Augstein (Sonntag 21.10.12 bei Jauch). Eine Aussage, die Mathias Kalle im Tagesspiegel vom 22.10.12 sehr hoflich als fragwürdig bezeichnet. Die Briten sind für beides bekannt: ihre Höflichkeit und ihren Humor!

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Veröffentlicht von

Johanna Angele

Johanna Angele studierte Anglistik und Germanistik in Zürich, später folgte eine Weiterbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Ihr beruflicher Werdegang führte sie in die Beratungs- und Finanzbranche. Nach vielen Jahren in der Stadt wohnt sie nun in der Ostschweiz, ist oft in Frankreich und arbeitet in Zürich. Ende 2012 ist von ihr das Buch "Weiberzeit. In Zukunft gemeinsam" erschienen.

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