Von Pfauen und Frauen

Pfauenhennen fliegen auf Hähne mit prächtigen Rädern, während Frauen auf Gockel mit protzigen Karossen abfahren. Die sexuell selektive Frau erkennt im Porsche die Potenz, weil nur ein kampfstarker Pfau sich den Federschmuck leisten kann. Aus diesem Grund, so war es neulich hier zu lesen, sind auf dem Wandbild im Ständeratssaal auch keine Frauen innerhalb des Landsgemeinderings zu sehen. Sie stillen lieber draussen den Säugling, dienen dem Mann und zieren das Bild. Eine Bundesrätin, die sich Damen auch innerhalb der Mauer denken kann, muss jener genderwahnsinnigen Denkschule verfallen sein, wonach nicht sein kann was nicht sein darf: Frauen wollen weniger verdienen als Männer. Den vernünftigsten Beweis dafür liefern, so steht es im Artikel, die egalitären Gesellschaften, wo die Unterschiede bei der Berufswahl am grössten sind. Mädchen wählen soziale Berufe, Buben reizt die Technik, womit beide auch das entsprechende Lohnniveau akzeptieren. Die Henne entscheidet sich ohnehin am Ende für den radschlagenden Pfau, dann lässt er seine Federn und fortan trägt sie den Schmuck zur Schau. Die Frau dekoriert das Heim, macht Besuche und gibt Empfänge. Geht sie aus dem Haus, putzt sie sich heraus, Mädchen sind eben „gerne geputzt und gefallen sich, wenn sie geziert sind„. Des Pfauen Federschmuck macht ihn zum selektierten Subjekt, die Henne verziert er nun zum schönen Objekt.

Nur – all das liegt nicht an der Biologie, auch sind keine Soziologen daran schuld, wir verlassen uns beim diffizilen Pas de deux nur einfach gern auf gewohnte Routinen, vertraute Rollen und bewährte Regeln. Doch wenn Löhne sinken, wo der Frauenanteil steigt und man im Escortservice mehr verdienen kann als im Pflegedienst, dann geht es weder um persönliche Moralvorstellungen noch um private Vorlieben beim Balzverhalten, sondern um die aufgeklärte Barrierefreiheit öffentlicher Wertschätzung. Lange schon steht unser Wille zur Gleichstellung in der Verfassung, die Umsetzung wurde spät und äusserst zögerlich realisiert, gesetzlich ist das Ziel jedoch erreicht. Geblieben ist die Treppe, welche auf dem Weg zur Teppichetage aus eigener Kraft erklommen werden muss. Wer Frauen hier eigene Schwäche vorwirft, wenn sie sich in Rock und Highheels mit Kind, Staubsauger und Wäschezeine auf der steilen Treppe nicht gegen ihre diesbezüglich unbeschwerten Kollegen durchsetzen kann, könnte ebenso behaupten, dass es grundsätzlich keine Lifte braucht.

Es ist der Pfau, der kein Rad schlagen kann, dem wir dank zivilisatorischer Errungenschaften seinen Platz auch ohne einschüchterndes Imponiergehabe zugestehen können. Dem technischen und sozialen Fortschritt verdanken wir Schaufel und Schutzhelm im Kampf ums Überleben: Liberté, Égalité, Fraternité! Wir schätzen heute Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität und verdanken all das der Erkenntnis, dass das faire Teilen von Macht und Wohlstand in einer liberalen Gesellschaft sich langfristig für alle auszahlt. Erreicht haben wir das, weil Minderheiten mutige Ziele formulierten, die in den jeweils herrschenden Ohren wohl selten sinnvoll klangen. Wer seine göttliche Ordnung angegriffen sah, verteidigte sie schon immer gern mit angeblich naturgegebenen Umständen. Der Monarch hat blaues Blut, der Kirchenfürst ist auserwählt und die toxische Idee genetischer Überlegenheit fliesst seit Jahrhunderten durch entsprechend infizierte Adern.

Niemand will dem Pfau die Federn rupfen, so wie keiner ernsthaft in allen Gruppen, Ämtern und Positionen eine staatlich erzwungene Geschlechterparität durchsetzen will. Wer das behauptet, schürt absichtlich Ängste und schafft Feindbilder. Körperliche Merkmale sind privat, geradezu intim. Die Politik hat ausschliesslich die geteilte Öffentlichkeit zu regeln, im äussersten Fall die Grenzen persönlicher Räume. Wer unterschiedliche Chancen, Freiheiten und Möglichkeiten von Menschen in unserer Gesellschaft biologisch begründet, argumentiert bewusst biologistisch. In aller Stille werden die liberalen Errungenschaften aller in libertäre Privilegien einiger weniger pervertiert. Der amerikanische Präsident macht aller Welt vor, wie man politisch Unkorrektes durch sämtliche Kanäle der sozialen Medien presst. Weil eine kleine Elite sich für ebenjene Pfauen hält, die sich die mächtige Federpracht leisten können, stiftet sie eine wachsende Zahl von Menschen dazu an, soziale, moralische und ethische Hemmschwellen in einer liberalen Gesellschaft täglich ein bisschen tiefer zu setzen. Sie sehnen sich zurück in die anarchische Hackordnung, wo der Hahn mit dem grössten Rad den Ton angibt. Das mag hier und jetzt bei Genderfragen tatsächlich harmlos klingen, doch wir wissen, wohin dergestalt begründete Diskriminierung am Ende führen kann.

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Mehr – Frauen

Frauen wollen mehr. Viel mehr, eigentlich wollen sie alles, vor allem alles auch. Auf jeden Fall wieder eine Frau im Bundesrat, oder zwei. Zumindest wollen das die meisten, aber von irgendwas wollen alle irgendwann irgendwie mehr. Mehr Anerkennung für ihre Leistung, mehr Lohn und mehr Gleichberechtigung. Wenigstens mehr Schuhe, mehr Kleider und mehr Schmuck, gerne auch mehr Wohnraum, mehr Spielraum und mehr Freiraum. Natürlich klingt das furchtbar übertrieben und erinnert ans magische Dreieck der Serviceanbieter. Danach gibt es gute, schnelle und günstige Angebote, wovon jedoch nur jeweils zwei Ausprägungen auch zusammen wählbar sind: Ein guter und günstiger Service ist zumeist nicht schnell, der gute und schnelle Service oft nicht billig, und der schnelle, billige ist selten gut. Ähnlich verhält es sich im Lebenstraumdreieck von Reichtum, Selbstbestimmung und Erfüllung – man kann nicht alles haben, ohne irgendwo ein Opfer zu erbringen. Ausser man ist ein Mann.

Längst haben Real- und Finanzwirtschaft gelernt, wie man Gutes schnell und günstig anbieten kann, vielmehr muss, wenn man im globalen Wettbewerb überleben will. Für alles gibt es ein Land, einen Markt und interessierte Partner, die dabei helfen, die Lücken zu füllen: tiefe Steuern, niedrige Löhne, lasche Gesetze. Man lagert aus, was woanders oft billiger, manchmal schneller und immer häufiger auch besser geht. Das Beratercredo vom Auspressen der Zitrone zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung ist zur allseits angewandten und akzeptierten Best Practice geworden. Während der Herr Gemahl das fürs angenehme Leben nötige Gehalt verdient, delegiert er die private Infrastruktur gern an die liebe Gattin, die sich, je nach Budget ihrerseits mit externer und oft fremder Hilfe, daheim um Kinderschar, Wäschekorb und alles Übrige kümmert. Ob nun biologisch, soziologisch oder politisch motiviert, fürs eigene Modell lassen sich in jeder Richtung recht gute Argumente finden. Der Wunsch nach mehr ist a priori menschlich, nur geniesst das männliche Gewinnstreben das Ansehen zweckdienlicher Vernunft und die Anerkennung berechtigter Ansprüche, während weibliche Ambitionen notorisch ihrer Selbstsucht zugeschrieben werden und man ebendieser Neigungen wegen an ihrer Eignung für so manches nicht unbegründet zweifelt.

Mehr Geld, mehr Einfluss und mehr Macht, schliesslich dient das Wirtschaft und Gesellschaft, mehr Frauen und mehr Power, dem erfolgreichen Mann sei es gegönnt. Die feminine Lust auf luxuriösen Putz hingegen ist längst legendär und liegt ihr ebenso im Blut wie Mutterschaft und Hausarbeit. Marine Le Pen, Alice Weidel und Marissa Mayer, wie Figura zeigt machen ehrgeizige Frauen die Welt nicht besser. Auch Merkels Macht, Ruoffs Betrug und Ribars heikles Mandat taugen kaum als Beweis für weibliche Andersartigkeit. Der lange und beschwerliche Aufstieg der Frauen in Politik und Wirtschaft hat bis heute wenig Gutes bewirkt, der gegenwärtig zu beobachtende Rückzug an den heimischen Herd mag man folglich fast genauso gut begrüssen wie bekämpfen. Ohnehin herrscht ganz oben und in dünner Luft nach wie vor ein sehr maskulines Klima. Der geschlechtspezifische Ausdruck vom Wunsch nach mehr bleibt das dominante Normalverhalten, das wir Kindern bis heute antrainieren, wenn wir sie angeblich alternativlos mit langwimprigen Gummibaben beschenken oder ihnen eben Ball und Rennbahn anbieten.

Auch deshalb lässt sich das Gender Paygap weiterhin sehr einfach weg argumentieren, indem man die Verantwortung für die fehlenden Aufstiegschancen in gut bezahlte Jobs den Frauen selbst zuschreibt. Tatsächlich ist es ziemlich schwierig, im stillen Zwiegespräch mit einem rosaroten Plastikpony so etwas wie ein Gefühl für Teamgeist, Wettbewerb oder gar Ehrgeiz zu entwickeln. Selber schuld, wer nach der jahrelangen Beschäftigung mit anorektischen Barbies und rülpsenden Babies lieber Topmodell und Mutter werden will, als lärmende Raketen zu bauen, feuchte Tunnels zu bohren oder interaktive Computer zu programmieren. Auch die Vereinbarkeit von Kind und Karriere können Männer ohnehin besser stemmen (weil die Frau, wenn überhaupt, Teilzeit arbeitet, den Haushalt alleine erledigt und selbstverständlich daheim bleibt, wenn das Kind krank ist), Frauen wollen sich der Herausforderung halt einfach nicht stellen (weil der Mann eben mehr verdient und sich mehr Anteil an der Familienarbeit aus beruflichen Gründen nicht leisten kann). Wenn er nach wie vor mehr Lohn bekommt, kann sie auch weiterhin zufrieden ihre Schuhe shoppen. Reichtum, Selbstbestimmung und Erfüllung – man kann tatsächlich alles haben. Sofern man eine Frau ist.

Frontaler Freiheitskampf

Es regt sich Widerstand gegen den aufgeblasenen Staat, das Libertariat verteidigt persönliches Eigentum und individuelle Entfaltungsmöglichkeiten. Es geht um das Recht auf die eigene Freiheit, die nur dann dort aufhört, wo die des anderen anfängt, wenn einer stark genug ist, die seine zu verteidigen. Ausgerechnet mit der eigenen Überlegenheit wird die Machtausübung legitimiert, wer unterliegt, hat nicht genug getan, zu wenig gekämpft oder einfach nicht mehr gewollt. Erfolg ist der verdiente Lohn für das erwiesenermassen gute Handeln, der Misserfolg die Quittung für das falsche. Wer so sicher weiss, dass er der Stärkere ist, setzt seine Haltung gerne mit Gewalt durch. Dieselben Regeln galten schon auf dem Pausenplatz, im Sandkasten und im Kinderspielzimmer. Die Sieger fürchten nur den einen Feind: den Staat, der auch den Schwächeren zuweilen längere Spiesse gibt. Folglich bekämpft man ihn mit allen Mitteln und durch alle Gewalten: man kapert den Volkswillen, kritisiert die Regierung, kontrolliert Richter und kauft Aufmerksamkeit.

Aber auch von ganz anderer Seite wird ein Machtanspruch mit der Überlegenheit der eigenen Lebensart legitimiert, auch hier nimmt man billigend in Kauf, mit der Durchsetzung der eigenen Haltung die Freiheit anderer einzuschränken. Allerdings nehmen sie nicht, wovon sie glauben, dass es ihnen zusteht, sondern fühlen sich im Gegenteil mit dem eigenen Verzicht dazu legitimiert, von anderen dieselbe Enthaltsamkeit einzufordern: kein Fleisch, kein Rauch, kein Auto, dafür Bio, Sport und Helm. Väterchen Staat ruft man herbei, um dank Verboten und Geboten durchzusetzen, wovon man glaubt, dass es zum Wohle aller auch für alle gelten muss. Wem diese staatliche Bemutterung zu weit geht, sähe den Staat gern zu Gurkensalat zerschlagen. Nun sind es die Staatsfeinde von einst, die fünfzig Jahre später das Erreichte gegen die Bierideen einer neue Generation junger Wilden verteidigen. Mögen die Vorstösse nun auch aus der politisch entgegengesetzten Richtung kommen, so steckt nach wie vor derselbe Wunsch darin: die Umgestaltung der von anderen geprägten Welt nach eigenen Vorstellungen.

Lange Zeit galt das Subsidiaritätsprinzip: erst wenn die kleinste Einheit mit einer Aufgabe überfordert ist, soll sich die nächst höhere darum kümmern. Ein Engagement für Veränderungen begann folglich im Kleinen und führte vielleicht hin zum Grossen. Der eigene Einfluss verschob sich dabei wohl durch die Instanzen, aber er blieb stets auf das unmittelbare Umfeld beschränkt. Wer in die Höhe steigt gewinnt an Übersicht, verliert aber die Details aus den Augen, umgekehrt schwindet von dort, wo man Apfelsorten und Getreidearten mit blossem Auge unterscheiden kann, das Aufsteigende bald zum unscheinbaren Pünktchen. Nun hat die Digitalisierung die alten Orte ihrer räumlichen Distanz beraubt, sie ungefragt in die Virtualität eines einzigen globalen Dorfes geworfen. Was oben war liegt plötzlich unten, das Linke kommt jählings von rechts, nicht einmal Veränderungen halten sich noch an den guten alten Lauf der Zeit, sondern brechen disruptiv über uns herein. Nicht selten liegt ein Machtzentrum nun an der Peripherie, sitzt der Spatz auf dem Dach und hält man unverhofft die Taube in der Hand.

Verunsichert wischen Wähler manch altbekannte Figur wütend vom Spielbrett und wenden sich im Vertrauen auf ein Glück-Zurück-Versprechen den Grünschnäbeln, Schreihälsen und Blendern zu. Geduld und Ausdauer sind keine Werte mehr in einer Welt, in der zum schnellen Erfolg hochtrainierte Langarmige die tiefhängenden Früchte noch hart und grün vom Baum reissen. Denn Zeit ist Geld, dass gerade deshalb Qualität den hohen Preis auch kostet, ist Geiz und Gier sei Dank nurmehr eine Ironie des freien Marktes. Einst waren es die Jahreszeiten, Regentage und Sonnenstunden, die Tomaten reifen liessen, nun importiert man sie ganzjährig für König Kunde billig und zum Investorenwohl günstig, deren Absatz fördert man trotzdem ungeniert mit Gefasel von Naturnähe, Slowfood und Nachhaltigkeit. Seit jeher wurden Schnapsideen schnell geboren und gehörte das weinselige Weltverbessern an studentischen Küchentischen zum guten Ton. Im Fakenewsdschungel zählt der blitzartige Schein, es fehlt die Zeit für eine Seinswerdung über mühselige Lehr- und Wanderjahre, in denen man zum Wissen das Anwenden und zum Wollen das Tun erlernen könnte. Vielleicht ist dies die grösste Ironie von allen, dass sich eine immer älter werdende Gesellschaft eins ums andere Mal von Bierideen der Jungparteien kirre machen lässt.

Der Winter kommt

Rechtzeitig vor der hibernalen Futterknappheit legen Nagetiere sich bekanntlich einen Vorrat an. Der Homo sapiens aber lebt auch von Knacknüssen, Gedankensamen und Informationskernen, als alltägliche Bezugsquelle nutzt er mediale Angebote. Nun droht den geistig Hungrigen eine Versorgungskrise, weil ihre Informationslieferanten entweder selbst gefressen werden oder mangels eigener Beute verhungern müssen: gekirrt und angeludert ziehen die Leseratten in seichtere Gefilde weiter, die vifen Werber heften sich an ihre Fersen und aus der funktionierenden Nahrungskette wird ein fataler Teufelskreis. Eines der letzten Biotope hat künstlich bewässert bis heute überlebt, doch nun wird diese Oase von Futterneidern, Körnchenpickern und Fressfeinden zerniert. Als federale Quelle bot sie dank ihrem gut funktionierenden Verteilungssystem lange Zeit so manchem Tierchen sein Pläsierchen, jetzt droht der Kollaps. Für diesen Fall, so hat es die besonders betroffene Generation gelernt, gilt der kluge Rat zum Notvorrat. Was im kargen Winter dem Eichhörnchen vergrabene Beeren, Nüsse und Samen bieten, muss der von der Informationsknappheit betroffene Mensch in Form von Bild-, Ton- und Textkonserven folglich nicht nur selbst vorrätig, sondern wenn möglich auch aktuell halten.

Beim Kaffee nach dem Sonntagsbrunch im neuen Sachbuch lesen, am nebligen Vormittag die Augen schliessen und zur Abwechslung mal übers Ohr geniessen. Den Nachmittag im Sessel am herbstonnigen Fenster sitzen, mit einem Roman in die Vergangenheit reisen und dabei die Gegenwart neu sehen. Abends beim Glas Wein Gehörtes, Gelesenes und Gedachtes diskutieren und sich dank dem Netz von Freunden, Bekannten und Verwandten in aller Welt laufend über Politik, Wirtschaft und Naturgefahren informieren. Per Videochat direkt erfahren und verstehen, was andere anderswo ausserdem bewegt. Unterwegs auf Social Media das Wichtigste vom Tag erwischen und wenn möglich noch die seltenen Perlen fischen. Dank persönlichen Expertentipps muss man sich selbst gute Filme, Magazine und Gespräche nicht entgehen lassen, solange das Angebot bei noch nicht zerschlagenen öffentlich-rechtlichen Sendern im Ausland empfangbar ist. Ausgesuchte Periodika sorgen schliesslich für Nachschubbeiträge zur Breite, die Wandregale voller ungelesener Bücher sichern zusätzlich die lang anhaltende Tiefe.

So liesse sich die post-billagiale Eiszeit mit etwas Mehraufwand ganz angenehm organisieren, sofern es die eigene Infrastruktur erlaubt. Manches hätte sogar sein Gutes. Anstelle enervierender Talkshows wären persönliche Debatten inspirierender und ein wesentlich sozialeres Vergnügen, als den Einheitsbrei aus lauter Langeweile weiter wort- und kommentarlos gemeinsam linear oder getrennt vernetzt zu konsumieren. Statt der asynchronen Nahrungsaufnahme von aufgrund ihrer unterschiedlichen Filterblasenhabitate selten gemeinsam anwesenden Monaden, würde an manchem Esstisch vielleicht sogar wieder ernsthaft diskutiert. Die sozio-demographische Heterogenität trüge schliesslich zur alltäglich gelebten Meinungsvielfalt bei und ein weniger bulimischer Informationskonsum würde unreflektierten Anschauungen und vorschnellen Annahmen entgegenwirken. All das wäre mit ausgesuchten und den bekannten Fernsehformaten nicht unähnlichen Inszenierungen in Kino, Theater und Konzertsaal zu ergänzen. Auch Podiumsdiskussionen wirkten ab und zu erhellend, sogar Satire-, Kabarett- oder Zirkusvorstellungen könnten bereichern. All das wäre möglich, sofern die betroffenen Budgets dies erlauben.

Bleibt der sermonische Einwand, dass die Privaten, so sie endlich aus dem Schatten des Riesen treten können, wie ein Phönix kaum von der Asche befreit in ungeahnte Qualitätshöhen aufsteigen und mühelos in die geschlagene Bresche springen. Tatsächlich steht ihnen der Sinn wohl eher danach, ebendiese Asche in Gold zu verwandeln. Selbst wenn sie es könnten, vom Weg dahin, wo der vermeintliche Feind heute steht, legte keiner auch nur einen Millimeter zurück – ihre Ziele liegen in entgegengesetzter Richtung. Die Digitalisierung hat wenigen qualitative Flügel verliehen, umso öfters aber selbige gebrochen. Natürlich wäre da noch die gute alte Tagespresse, die den informationshungrigen Menschen bislang durch so manchen Wintertag brachte. Nagetiere neigen im Falle einer bevorstehenden Nahrungskrise zum präventiven Kannibalismus, für Qualitätsmedien würde sich der aufgeklärte Mensch solidarischere Überlebensstrategien wünschen. Auch der Lemming ist ein Nager, trotzdem wird es nicht reichen, im Chor mit anderen das Schliessen der rechten Flanke zu popularisieren. Eichhörnchen vergraben im Herbst Nüsse und Samen, wenn sie im Winter Hunger haben, zehren sie davon. Manchmal allerdings finden sie unter der Schneedecke nicht alle Verstecke wieder. Dann spriessen im Frühling mancherorts zarte Bäume und Büsche aus dem Waldboden. Es bleibt eine kleine Hoffnung, dass wieder Neues wächst, wenn mit den Schneeglöckchen auch der Tag der Entscheidung kommt.

Jenseits von Feminismus

Emanze ist ein Schimpfwort, keine Frage, überhaupt gilt der Feminismus ganz allgemein als grusig gestrig. Wer sich zu Frauenrechten äussert, macht sich des Gender-Mainstreamings verdächtig, allein der Begriff verrät die Schwere des Vergehens. Von den Themen Lohndiskriminierung und Chancengleichheit sollte man – insbesondere als Frau – die Finger lassen, an Quoten nicht einmal im Ansatz denken. Ungeniert hingegen darf und soll sich jedermann in allen Regenbogenfarben über die Ehe für alle freuen, zumindest im urbanen Umfeld. Abseits der Metropolen sorgt fürs einvernehmliche Miteinander ein eher pastorales Familienbild mit Frau am Herd und Mann beim Broterwerb. Der Haupstrom fliesst nun einmal nicht überall im selben Bett. Besonders trübes Wasser ergiesst sich über schmieriges Gestein, wenn Rassismus und Sexismus sich paaren und nicht jener der Frauen, sondern ein männlicher Penisneid sämtliche damit verbundenen Urängste weckt.

Stellungen werden bevorzugt allgemein bezogen: man ist pauschal gegen Genderismus oder generell gegen Diskriminierung. Weil der Kampf für etwas ohne Mitstreitende aussichtslos bleibt, wird ordentlich gefordert, wofür sich deutlich leichter auch Gefolgschaft finden lässt. Kein Wunder engagieren sich Frauen nicht mehr standhaft für gleiche Rechte in der Gesellschaft, sondern fordern vom Staat stattdessen mehr Unterstützung bei der Erfüllung ihrer Pflichten als Ehefrau und Mutter. So wie die Männer in den vergangenen Jahrzehnten nur widerwillig bereit waren, ihre gewohnten Privilegien Häppchenweise an die Damen abzutreten, sind es nun die Frauen, die auf ihre verbliebenen Vorrechte nicht mehr verzichten wollen. Nicht auf Augenhöhe, sondern Aug in Aug stehen sich die Geschlechter einander gegenüber, umkreisen sich wie Raubkatzen, knurrend, fauchend, futterneidig und ihre Pfründe verteidigend. Es herrscht ein Patt des voneinander Weichens, beim kleinsten Fehler kratzt man sich gegenseitig die Sehorgane aus. Weit entfernt von einem ebenbürtigen Miteinander dominiert wieder das giftige Gezänk, dank nunmehr gleich langen Spiessen ab und an auch gern mit umgekehrten Rollen.

Anerkennung findet selbst das Kreuzen der Klingen innerhalb der eigenen Reihen. Einst wollten sie das enge Nest verlassen und im weiteren Leben nach Erfüllung jagen, nun ist es einigen drinnen an der Wärme wohl so bequem geworden, dass sie nicht selten schmutzig über jene lästern, die draussen in der Kälte wirklich leiden. Nach dem Erringen der Gleichberechtigung sollte eigentlich eine post-feministische Überwindung der Geschlechterfrage folgen, doch die Freiheit nach der Gleichheit scheiterte an der Brüderlichkeit der Schwestern. Das einstmals kluge Wirken der Blaustrümpfe schlug in Neo-Feminismus um, über den sich aus weit besseren Gründen schimpfen liesse. Ohne mit den künstlichen Wimpern zu zucken, verkünden stolze Nicht-Emanzen neben einem Gummipuppenlippenbild, dass auch sexy Frauen klug sein können. Weil manche meinen, als Täterinnen die erreichte Emanzipierung beweisen zu können, lehnen sie die Opferrolle ab, tatsächlich Betroffenen werfen sie verbissen vor, der Sache der Frauen mit Absicht nicht zu dienen. Ein Glashaus aber wird auch dann nicht zum Gemäuer, wenn man die Existenz jeglicher Glasdecken ignoriert, nur die Scheiben werden blind.

Die letzte Schlacht im Kampf um Egalität ist letztlich nur zu gewinnen, wenn Frauen sich den Widrigkeiten der äusseren Welt mit allen Konsequenzen stellen. Doch statt auf der Zielgeraden durchzuhalten und auch dann noch solidarisch zu bleiben, wenn dies Gegenwind auf dem eigenen Pfad bedeutet, wechselt manche lieber elegant die Seite und profitiert vom Strom in umgekehrter Richtung. Resigniert im Kampf gegen die ständige Aberkennung ihrer Rechte, pervertiert sie die Kränkung in Stolz, nennt sich selbst Bitch und vertuscht damit ihre Kapitulation. Es ist wie mit dem Liberalismus, dessen konstruktiven Kern Populisten aus gutem Grund unterminieren, ebenso zersetzen die Neo-Feministinnen den einst thymotischen Feminismus, bis nur noch der überwunden geglaubte erotische übrig bleibt. Wer Macht hat, hängt daran. Indem man andere in Scheingefechte verwickelt, hält man sie vom Sägen am eigenen Stuhlbein ab. Vom Klassenkampf ist nur der Geschlechterkrieg geblieben, die Aufmerksamkeit liegt dank erfolgreicher Empörungsbewirtschaftung jenseits der wirklich drängenden Fragen und von sachlicher Vernunft ist die politische Debatte weit entfernt. Der Logos ist männlich, es sind am Ende dann auch Männer, die nach dem weibischen Gezänk schliesslich reflektiert und vernünftig das Wort ergreifen. Einmal mehr schweigen die grossen Stimmen, allen voran die weiblichen. Wo Worte Waffen sind, dient Pazifismus allzu oft als Feigenblatt.

Aufrüsten für den Frieden?

Anfang Juli beschlossen die Vereinten Nationen ein Verbot von Atomwaffen. Weit über hundert Länder werden sie nie mehr entwickeln, herstellen, anschaffen, besitzen oder lagern. Nicht unterzeichnet haben den Vertrag allerdings ausgerechnet jene Staaten, welche diese bereits entwickeln, herstellen, anschaffen, besitzen oder lagern. Seit der ersten Atombombe geht es um Abschreckung zur Friedenssicherung, wir verlassen uns darauf, dass die Mächtigen in diesem Gleichgewicht der Angst klug genug sind, den Knopf nicht zu drücken. Das ist nachvollziehbar, trotzdem zweifeln wir und haben Angst, dass es irgendwann einer doch tut. Weil sich die eigene Macht immer schon am leichtesten mit Angst und Schrecken mehren liess, nährt sich der ständig köchelnde kalte Krieg eben auch davon. Selbsterwähnte Diktatoren, Sultane, Alleinherrscher und Könige lehren sich in der Folge mit tüchtigem Säbelrasseln gegenseitig das Fürchten. Atommächte werden nicht müde, die friedenssichernde Wirkung gewaltiger Abschreckungsarsenale zu betonen und beeindrucken einander mit imponierenden Militärparaden. Trotz aller Bemühungen aber ist es der Welt noch nicht gelungen, die Vision einer globalen Völkerverständigung zu verwirklichen.

Auch deshalb darf man sich angesichts defilierender Soldaten fragen, was das alles soll, man darf träumen und sich erinnern: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Heute ist bestenfalls das Verweigern des Militärdienstes einigermassen salonfähig. Wo es nur in Friedenszeiten oder überhaupt nicht erlaubt ist, sich dem Kriegsdienst zu verweigern, bleibt auch heute nur die Desertion. Für viele gilt deshalb nach wie vor, dass sie sich dem Krieg im Ernstfall zu stellen haben. Seit jeher schützte ein Kämpfer folglich sein eigen Leib und Leben, trug das Holzschild am Unterarm, nutzte die Blechrüstung als Körperpanzer, hielt sich mit dem Speer den Gegner vom Hals oder sorgte mit Gewehren, Kanonen und Bombern für Abstand vom Gemetzel. Dennoch war der Soldat immer gezwungen, sich letztlich auch selbst in die Schlacht zu begeben, um einen Feind wirklich besiegen zu können. Erst Kampfdrohnen ermöglichen heute einen Einsatz aus absolut sicherer Distanz. Es ist naheliegend, dass man sich wünschte, man könnte nur Maschinen in den Krieg entsenden und ihn ohne eigenes Blutvergiessen gewinnen. Stell dir vor, es ist Krieg und nur die anderen begeben sich in Gefahr.

Zuverlässig und sowohl ohne menschliche Fehler als auch ebensolches Leid marschieren sie auf feindliche Truppen los und führen ihren Auftrag aus. Zumindest in der Filmwelt träumen Waffenkonzerne vom serienmässig hergestellten unbemannten Robotersoldaten. In der realen Welt sind schmerz- und gewissenlose Kriegsmaschinen keine befriedigende Antwort, sondern werfen zahlreiche moralische und ethische Fragen auf. Zu sehr stört die Asymmetrie, wenn eine ferngesteuerte Drohne auf schreiende Menschen schiesst. Die grosse physische Entfernung vom Geschehen bedeutet auch eine enorme innere Distanz, zur technischen kommt eine emotionale Dominanz. Die einseitige Kontrolle über das Geschehen vom Schreibtisch aus erinnert an Computerspiele, nur dass in diesem Fall die Opfer echt sind. So sehr man ohne Verluste in den eigenen Reihen insbesondere auch gegen brutale Terrormilizen nachhaltig vorgehen möchte, es bleiben grosse Skrupel. War die Terrakotta Armee vermutlich nur ein Trainingsheer, so sind Kampfdrohnen tatsächlich effektive Waffen und Klonkrieger Tötungsmaschinen.

Ein solcher Einsatz reiner Roboterarmeen aber würde bald auch beim Feind Begehrlichkeiten wecken. Die Rüstungsindustrie würde weiter wachsen und die Digitalisierung immer raffiniertere Maschinen hervorbringen. Schliesslich stünden sich überall nur noch Drohnenheere gegenüber. All dies geschähe zu einem hohen Preis, aber ohne Blutvergiessen und folglich gegen wohl geringeren politischen Widerstand. Die gewaltigen Rüstungsausgaben und moralische Fragen würde man auch dann mit friedenssichernder Abschreckung rechtfertigen. Vielleicht hätten die sich gegenüberstehenden Maschinenarmeen am Ende aber eine ganz neue Wirkung: Wenn Krieg zur teuren Materialschlacht ohne menschliche Verluste würde, müsste man ernsthaft daran denken, ihn tatsächlich konsequent digital und damit nur noch virtuell auszutragen. Die so eingesparten Kosten für Rüstung, Bevölkerungsschutz und Kriegsschäden liessen sich in nachhaltige Präventivmassnahmen wie Armutsbekämpfung, Welternährung und Chancengleichheit investieren. Rüstungskonzerne könnten dank ihrem Knowhow mit vertretbaren Investitionen auf Videospiele und Virtual Reality umsatteln. Die Menschen wollen endlich überall Frieden, warum in aller Welt gibt es noch Krieg? Auch wenn es schwierig ist, darauf Antworten zu finden, die Frage ist nicht aus der Welt: warum bleibt das Aufrüsten der offenbar einzig denkbare Weg zum Frieden?

Bild: https://www.youtube.com/watch?v=coFfwmXBVSU (ohne Tauben)

 

Jeder gegen alle

Trotz der Sehnsucht nach dem grossen Miteinander, schätzt der Mensch im Kleinen seine Grenzen. Wir spielen gerne hier gegen dort, wollen in weissen jene in schwarzen Leibchen besiegen und fühlen uns mit den einen vereingt gegen die wie auch immer andersgearteten anderen. Seit jeher gab es Gräben und lagen Welten zwischen Nord und Süd, Ost und West oder Stadt und Land. Wo sich ein Dies vom Das unterscheiden lässt, ist eins von beiden besser, höher und vor allem wertiger. Fronten liessen sich zuweilen verschieben, Eisberge schmolzen und neue Brücken wurden geschlagen. Dennoch blieb der globale Bauplan geographisch und gesellschaftlich über lange Zeit weitgehend in gewohnter Ordnung. Erst im noch jungen Jahrtausend öffneten sich die Grenzen, krümmten sich die Räume zur vernetzten Kugel und schrumpfte die Erde auf die Grösse eines virtuellen Dorfes mit kurzen Wegen und kunterbuntem Markttreiben. Vor uns eine grüne Wiese, der himmelblaue Horizont zum Greifen nah und überall die Lust auf Wandel, Wandern und das World Wide Web.

Bis die Blasen platzten, eine nach der anderen. Die ganze Welt dank Smartphone jederzeit zur Hand, erregt längst alles ringsherum selbst gelassene Gemüter, löst bereits die geringste Regung mediale Erdbeben aus. Die Risse, die sie verursachen, lassen sich nicht mehr auf Gefälle, Vorhänge oder Gräben reduzieren, sondern ziehen sich als tiefe Kluft rund um den Planeten und mitten durch Gesellschaften, Parteien und Familien. Wo jeder gegen jeden wettert, links und rechts nichts mehr wie früher ist und sich Konservative als revoluzionierende Avantgarde verstehen, taugen die alten Feindbilder nichts mehr. Am Tag, als sich Li Keqiang zum Klimaschutz bekennt, kündigt Trump das Klimaabkommen. Im zeitgenössischen Wirrwarr verbündet sich das einst tiefrote Russland mit der europäischen Rechten, China kämpft für Freihandel und der amerikanische Präsident will sein Land der unbegrenzten Möglichkeiten einmauern. Während Grossbritannien die Europäische Union verlässt, wütet man im Osten gleichermassen gegen den Orient und die Verbündeten im dekadenten Okzident.

Alle Welt in medialer Aufruhr, die einen empört, die andern fanatisch. Dort entpuppt sich der Präsident als Verschwörungstheoretiker, da wählt das Volk einen Diktator, der die Evolution gleich aus dem Lehrplan streicht. Es ekelt einen, und Ekel macht konservativ. Ein Teufelskreis, in dem wir uns immer schneller um die eigene Achse drehen, wie unser Globus, den wir dabei zerstören. Schwindlig wird es jedem, der den eigenen Verstand zu gebrauchen noch im Stande ist, doch während das Verstehen schwindet, wächst in andern Köpfen höchstens das Verständnis fürs Schwindeln. Im Streben nach individuellem Wohl greifen auf dem Weg zum Gipfel immer mehr Hände nach denselben Stellen, bei nachlassender Kraft und wachsender Absturzangst tritt mancher im Gerangel lieber auf fremde Füsse. Es braucht nur wenig, und es bricht Panik aus. Fürs eigene Überleben stösst man schliesslich andere ins Nichts, klammert sich an starken Armen fest, glaubt an die eigene Unschuld nicht minder als an die bevorstehende Erlösung durch den Heilsversprecher beim Gipfelkreuz.

Wer unter die Räder kommt, ist selber schuld, gehört halt nicht dazu und soll lieber jenseits des Diesseits seine Kreise ziehen. Unsere eigene Freiheit war nie dazu gedacht, auch für die Mehrheit zu funktionieren, sagt Pankaj Mishra in einem Interview in der NZZ am Sonntag. Deshalb sind sie alle so wütend, und von der Wut nährt sich der Populismus, der auch dann gewinnt, wenn er verliert, weil er das Volk von der Elite trennt. Der Wutanfall von rechts widerhallt im medialen Echoraum von gegenüber als Kritik an den Hierarchen, derselbe Wein in allen Schläuchen. Wer weiss eigentlich noch, wer wofür steht, kaum einer steht mehr gerade. Für die Konservativen gibt es nur die eine Ehe, ihre Herausforderer aber wollen sie für alle. Soll sie für alle sein! Keine Debatte, dem lahmen Zug fehlt es an Dampf. Für die einen ist damit praktischerweise auch die Gewissensfrage nach mehr Gleichheit und Gerechtigkeit geklärt, die anderen wünschten sich, es ginge endlich nicht mehr um die marginalen, sondern um die wirklich grossen Fragen. Doch die Mehrheit summt im Mainstream gemütlich weiter im Chor gegen Multikulti mit und überliest, dass es beim Geteilten trotz allem ein mal mehr ums Miteinander geht.

Destruktion der Aufklärung

Das goldversessene Trumpelstilzchen wutbürgert in Grossbuchstaben über Fakenews, ist selbst deren produktivste Quelle, abgesehen von den wenigen Titeln seines Vertrauens. Leicht geht der Überblick verloren im Dschungel der alternativen Fakten, subjektiven Wahrheiten und objektiven Lügen. Humor war immer schon ein wirksames Mittel gegen Ohnmacht, doch das im angeschwollenen Hals steckenbleibende Lachen verstopft mittlerweile auch jenen die Atemwege, die gerade nicht erkältet sind. Benommen vom Kopfschütteln und erschöpft von der Empörung, ist mancher bereits erstickt, verstummt und erstarrt. Grinsend allerdings verbringt der amerikanische Präsident seine Wochenenden trotz hoher Sicherheitskosten im privaten Kitschklub, den er erst das winterliche und nun das südliche Weisse Haus nennt, obwohl auch dort nichts weiss, sondern alles goldig ist. Der Mann lässt jeden Stil vermissen, alles an ihm und um ihn herum ist unwürdig. Manche fordern schon die Vermeidung des T-Worts, dem stampfenden und respektlosen Etwas sei die Aufmerksamkeit zu entziehen. Doch gerade weil er tobt und wütet, ist dieser Trampel zum Präsidenten der Vereinigten gewählt worden.

Die Fassungslosigkeit lähmt, doch wie aus der Schockstarre aufwachen? Kaum legen sich die Wogen, schäumt er wieder Gift und Galle gegen alles, was den Narzissten nicht euphorisch anhimmelt. Während die endlich Abgeholten jubeln, regt sich immerhin bei jenen Widerstand, die schon viel zu lange über alles Wesentliche unvornehm geschwiegen haben. Im Jahr der russischen Revolution, derer die dortige Elite aus guten Gründen nicht gedenken will, erinnert man sich hier an die eigene Geschichte: Demokratie, Aufklärung und Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Die Demokratie gilt es vor ihren Feinden zu retten, die Werte der Aufklärung muss man verteidigen, die Errungenschaften einer freien Gesellschaft samt ihren Menschenrechten und der sozialen Gerechtigkeit erhalten. In Deutschland ist von einem Schulz-Effekt die Rede, die Umfragewerte der SPD stiegen derart an, dass ihr Kandidat sogar vor der amtierenden Kanzlerin lag und die Partei sich über eine Beitrittswelle freuen durfte. Auch wenn der Effekt nachgelassen hat, so bleiben zumindest in der subjektiven Wahrnehmung die Debatten in den Medien interessant und durchaus differenziert.

Tatsächlich können sich auch die Medien über mehr Interesse freuen. Von ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als vierte Gewalt ist die Rede und was sie für die Demokratie bedeuten, lesen wir endlich auch in Gratis- und Boulevardblättern. Trump hat kein Versprechen gehalten, mit blindwütigem Dekretismus betreibt er Klientelpolitik, seinen Anhängern streut er Sand ins Gesicht und enttäuscht selbst jene, die nur hofften, er würde im Gegensatz zu seiner Kontrahentin wenigstens etwas für den frustrierten Mittelstand tun. Was der Goldjunge bis anhin an Gaben verteilte, landete vor allem in seinen eigenen elitären Reihen. Der unternehmerische Familienmensch schäumt besonders dann vor Wut, wenn Gold und Geld nicht in die Taschen der Seinen fliessen. Eines jedoch hat er ähnlich Gesinnten voraus: er hat die Wahl gewonnen und regiert bereits im Präsidialsystem. Was ein narzisstischer Machtmensch sonst noch für sein Wohlbefinden braucht, läuft für jeden aufmerksamen Medienkonsumenten leicht einsehbar rund um den Globus erstaunlich gleich: die gezielte Zerstörung der vier Gewalten, eine nach der anderen.

Das Rezept lautet diskreditieren, kriminalisieren und schliesslich eliminieren. In einer funktionierenden Demokratie herrscht das Volk, ohne dass der Souverän mitmacht, lässt sich eine Demokratie nicht demontieren. Was dieses Volk im Innersten zusammenhält, ist die Debatte, die Wissen und Einsichten vermittelt, Informationen verbreitet, Meinungen bildet und schliesslich Entscheide bewirkt. Ihr Sprachrohr sind die Medien, erst wenn sie schweigen, lässt sich die Legislative manipulieren. Indem man sie unglaubwürdig macht, bringt man sie zum Verstummen, wenn ihnen niemand mehr Vertrauen schenkt, ist ihr Markt erfolgreich ausgetrocknet. Was trotzdem überlebt, wird aufgekauft, privatisiert und von Getreuen auf den zweckdienlichen Kurs gebracht. Damit schliesslich auch kein Richter mehr zuverlässig das Volk vertritt, werden sie ebenfalls diskreditiert, kriminalisiert und eliminiert. Der Rest ist Kinderkram: Ängste schüren und Rüstungsausgaben steigern, Bildungsausgaben streichen und das Volk mit eigenen Lehren füttern. Die algorithmisierten Kommunikationskanäle der modernen Informationsgesellschaft isolieren den einzelnen von allem, was stutzig machen könnte, umso mehr stopft man uns voll mit dem, was wir glauben sollen. Die Errungenschaften der Aufklärung, die sich einst nur dank neuer Informationsvermittlung verbreiten konnten, werden nun in atemberaubender Geschwindigkeit mittels abermals epochaler Innovationen wieder vernichtet.

Wiederholungstäter

In zwei Tatorten nacheinander ging es um kriminelle Flüchtlinge und rechte Reaktionen. Wer den Tatort nie ohne guten Grund auslässt weiss, dass es oft um aktuelle Gesellschaftsthemen geht. Der stete Tropfen mag vielleicht den Stein höhlen, aber ein tropfender Wasserhahn geht einem gehörig auf den Geist. Monothematik ist auf Dauer kein überzeugendes Argument, im Gegenteil: es unterhöhlt das eigentliche Ansinnen. In einer digital vernetzten Welt, in der jeder ohne räumliche Distanz Zugang zum roten Knopf der schnellen Schüsse hat und damit auch zu vorschnellen Schlüssen neigt, ist die zeitliche Distanz eine der wenigen Möglichkeiten, dem Denken Platz einzuräumen. Der gelegentliche Thementag mag zu einem Schwerpunkt für einmal ebendiesen Raum bereitstellen, doch alltagstauglich ist die Methode nicht. Völlig kontraproduktiv ist ein thematisches Sperrfeuer wenn es darum geht, eine Debatte anzuregen. Wie der Name schon sagt: es versperrt den Weg.

Im Blätterwald empört man sich über die volkserzieherische Themenwahl, schimpft darüber, dass überhaupt ein Weltbild transportiert wird. Wie würde das denn aussehen, ein Tatort ohne Thema? Ein Programm ohne Botschaft ist banal und beliebig, der Krimi im Katzenpelz verkäme zur gefälligen Unterhaltung, und die braucht es nicht beim Service public. Touché! Mit einseitigen Themen bieten die am Tatort beteiligten Sender eben jenen leichtes Spiel, die den etablierten Medien vorwerfen, sich nach den Prioritäten der wie auch immer gearteten Eliten zu richten. Nicht selten kommt die Kritik aus Kreisen, die ganz offensichtlich staatlich kontrollierte, von Freunden der Regierung besessene oder zumindest zu Gehorsam gezwungene Titel für ihre unabhängige Berichterstattung loben, den freien hierzulande aber kein Wort glauben. Was anfangs anklagend als Lügenpresse nur in verschwörungstheoretischen Filterblasen brodelte, wurde als Fakenews zum Gegenschlag der Mainstreammedien. Ironischerweise verbreitet die Lügenpresse in der Regel Wahrheiten, während oft dubiose Internetmedien für die Falschinformationen verantwortlich sind. Auch hier wird dasselbe wiederholt getan: Journalisten schreiben über Geschriebenes, Leser verbreiten Ungelesenes.

Fakenews sind das aktuellste Lieblingsthema von Regierungen und Medien. Es ist damit zu rechnen, dass Dortmunds Hauptkommissar Faber bald schon in einem Fall von Brandstiftung mit breitem Bart ermittelt. Schon jetzt liefert der gouvernementale Wunsch nach einem Wahrheitsministerium genügend Stoff für reges Treiben mit, über und gegen Falschinformationen im Netz. Nach Auffassung von Regierungen und klassischen Medien soll nämlich ausgerechnet die modernste Art der Informationsverbreitung massgeblich für den demokratiebedrohenden Vormarsch der Konservativen in Europa und Trumps Sieg in Amerika verantwortlich sein. Nach den Gratiszeitungen gerät auch der zweite Besen ausser Kontrolle, den die Verlage in ihrer Verzweiflung heraufbeschworen haben: in der Hoffnung auf eine Kompensation ihrer sinkenden Einnahmen kollaborierten sie bereitwillig mit Facebook, Google und Medienportalen, deren Informationsstrom nun die Kanäle mit Hasskommentaren, Halbwahrheiten und Klickfallen fluten. Ausgerechnet Journalisten sollen es nun richten und mit ihrem Handwerk die Fehler aus dem Netz fischen. Der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit wegen wird darum gebeten, sie mögen dies doch unentgeltlich tun. „Ach! und hundert Flüsse stürzen auf mich ein“.

Demokratie ist gut für den Kapitalismus, im freien Markt gedeiht die freie Gesellschaft. Der Zusammenbruch kommunistischer Systeme bestätigte die Richtigkeit der Annahme, dass eine liberale Wirtschaft auch gut ist für die Demokratie. Wir sind so sehr davon überzeugt, dass selbst der Lärm um die Austeritätspolitik in Griechenland uns nicht hat aufhorchen lassen. Als Teil eines Systems ist es selten einfach, alle Zusammenhänge zu sehen, lieber schiebt man sich gegenseitig die Schuld zu. Die Medienkrise bedroht die Demokratie, ohne die unsere Wirtschaft serbelt, deshalb wählt der leidende Mittelstand Populisten, die sich für Volk und Freiheit einsetzen und von der Lügenpresse zwar nichts halten, sie aber ganz gerne kontrollieren und für ihre Zwecke einspannen. Auch der wählende Konsument kann zum Wiederholungstäter werden. Mit etwas Abstand zum Geschehen wäre erkennbar, wie wir uns aus dem Strudel befreien können: „In die Ecke, Besen, Besen! Seids gewesen“. Statt News nur nach Belieben zu konsumieren, täten wir gut daran, selbst wieder Meister der vierten Gewalt zu werden, indem wir für den unabhängigen Journalismus gezielt bezahlen. Nur so können wir ihn aus den Klauen des digitalen Kapitalismus befreien. Überlassen wir hingegen unsere Medien alleine dem Markt, wiederholt sich sonst ganz anderes aus dem dicken Katalog bekannter Übeltaten.

Kampf um den Dorfbrunnen

In einer Demokratie vermitteln Medienschaffende zwischen Bürger und Staat, am Dorfbrunnen werden die Themen besprochen, die zur Meinungsbildung beitragen. Weil man damit kaum mehr Geld verdienen kann, vermeiden es viele Medienhäuser, noch allzu viel in ihre alten Borne zu investieren. Sie trocknen aus und fallen auseinander. Noch schlimmer ist, wenn einseitig oder falsch informiert wird, Werbung mit Inhalt vermischt erscheint und der Wirklichkeit nicht mehr zu trauen ist. Medienkompetente bestimmen folglich immer häufiger selbst, was interessiert und weiter bringt. Im Netz wird vielfältiger informiert, mit gleich langen Spiessen kommentiert und dementiert. Lügen haben dort gerade zeitlich kurze Beine und bei so viel Transparenz lässt sich immer weniger verbergen, wes Geistes Kind man wirklich ist. Die Demokratie braucht keine Medien, aber mediale Foren, nicht die Presse muss man retten, sondern den Raum für Debatten.

Wo ein Markt ist, ist auch Dynamik, und wenn man in Chancen nur Gefahren sieht, werden sie nicht selten tatsächlich zum Problem. „Wir werden mehr kooperieren müssen, es wird leider nicht anders gehen“, meint ein CEO, kein Chefredaktor. Doch auch Wissenschafter konkludieren, dass unabhängiger Journalismus nicht mehr finanzierbar sei. Während Medienhäuser dem Markt die Schuld geben und bei Kooperation eher an Fusionen und Werbegelder denken, liegt gemäss einer Studie zumindest ein partielles Marktversagen vor, das medienpolitische Massnahmen rechtfertigt. Wir erinnern uns an die Finanzkrise und die Angst vor dem Zusammenbruch systemrelevanter Unternehmen: man muss nicht unbedingt die Bank retten, um die Geldwirtschaft zu erhalten. Eine Demokratie braucht mediale Vermittlung, keine Medienkonzerne, man muss die Existenz und den Zugang zu neuen Brunnen sichern, nicht Medienhäuser dafür bezahlen, diese halbherzig auf ihrem Terrain zu dulden.

Der ehemalige Medienminister Moritz Leuenberger brachte es auf den Punkt: wer sich dem Service public verpflichtet, kann analog der SRG gefördert werden, versteht sich ein Medienhaus aber nur als Wirtschaftsunternehmen, soll es sich dem Markt stellen. Bei staatlichen Eingriffen ist Vorsicht geboten, doch sind sie zuweilen nötig, wenn der Markt versagt und sich die Dinge eben gerade nicht von alleine zum Wohle aller regeln lassen. In einer Demokratie entscheiden wir gemeinsam, wo wir welchen Eingriff dulden oder sogar wünschen. Deshalb ist die Krankenkasse obligatorisch, Tabakwerbung verboten und wird Landwirtschaft subventioniert, und deshalb zahlen wir die Radio- und Fernsehgebühren noch. Die Budgets für Bildung und Kultur werden ebenso demokratisch festgelegt, wie wir über Programme wie „Jugend und Sport“ oder einen Verfassungsartikel über Musikförderung abstimmen. Weil uns daran gelegen ist, dass alle Zugang haben zu Bildung und Förderung, von Landschaft, Kultur und Sport profitieren können und niemand ausgeschlossen wird von dem, was uns als Gesellschaft verbindet und ausmacht. Lässt man in einer Marktwirtschaft allem freien Lauf, bilden sich rasch Eliten, die mehr Zugang zu bestimmten Gütern haben als andere. Am privaten Pool mit Sichtschutzhecke plaudern dann geladene Cüpligäste, allen anderen bleibt nur noch das Klagen über trübe Tümpel.

Vielleicht muss man den auch metaphorisch abgenutzten Dorfbrunnen gar nicht vermissen und darf auf Innovativeres hoffen. Es wär wunderbar, wenn eine unabhängige Initiative wie Projekt R es dank Crowdfunding ins Krabbelalter schaffte, doch sobald das Kind aufrecht geht, bläst auch ihm der Wind der Marktwirtschaft ins Gesicht. Noch finden wir, was wir suchen, glauben nicht, dass der Krug je brechen kann. Manchmal lässt sich das Ausmass eines Schadens erst begreifen, wenn er tatsächlich eingetreten ist. Die ruinöse Gratismentalität haben private Medienhäuser gezüchtet, forderten diese mit nun leeren Taschen ein Stück vom öffentlichen Kuchen – man würde es verstehen. Doch ihr Plan ist ein anderer: Der Köder ist die Wahlfreiheit, ein trojanisches Pferd mit toxischem Mageninhalt. Greifen wir danach, beisst die Schlange zu. Ihre Währung ist die Reichweite, ohne SRG, so meinen sie, würden ihre Kassen öfter klingeln, statt teurer „Zwangsgebühren“ sollen wir mehr für ungesünderen Konsum bezahlen. Es geht ihnen nicht um den Brunnen, mit dem man heute ja ihrer Ansicht nach ohnehin kein Geld mehr verdienen kann, sondern um den Durst der Leute, der sich vergolden lässt. Doch während wir hitzig den Service public debattieren, droht im Hintergrund eine viel grössere Gefahr von jenen, die mit ganz anderen Zielen die – rein rhetorische – Brunnenvergiftung praktizieren.